Sebastian Priller
Bierseliger Patriot

Sebastian Benedikt Priller hat für seine Heimatstadt Augsburg und die familieneigene Brauerei Riegele sein Leben als vielfliegender Unternehmensberater aufgegeben. Als staatlich geprüfter Sommelier will er dem heimischen Gerstensaft ein neues Image geben.

"In diesen Fässern reift es bis zu 90 Tage“, sagt Sebastian Priller. Sein Atem schwebt im Raum wie Nebel. Es ist 0 Grad hier – knapp 20 Meter unter der Augsburger Innenstadt. Auf dem feuchten Kellerboden stehen Teelichter. Sie werfen Dämmerlicht auf mannshohe, metallisch glänzende Fässer. Durch das Kellergewölbe hallt eine Symphonie von Beethoven. „Freude, schöner Götterfunken“, singt ein Chor. Klassische Musik sei gut für den Reifeprozess in den Fässern – und beeindruckend für Besucher, zwinkert der Herr des Kellers, Sebastian Priller. Schabernack und Unterhaltung gehören zu seinem Geschäft, aber auch ein guter Geschmackssinn. Am letzten Fass der Reihe öffnet der 33-Jährige einen kleinen Hahn. Eine goldgelbe Flüssigkeit fließt in sein Glas. Er führt es zuerst zur Nase, atmet den Duft ein und nimmt dann langsam einen Schluck – nicht Wein, sondern Bier: Commerzienrat Riegele Privat.

Was wie das Gewölbe einer Weinkellerei anmutet, ist die Lagerstätte der privaten Augsburger Brauerei Riegele. Im Jahr 1386 gegründet und seit 1884 in Prillers Familienbesitz, beschäftigt sie heute 100 Mitarbeiter und macht 19 Millionen Euro Jahresumsatz. Riegele ist die größte der drei letzten lokalen Augsburger Brauereien. Die anderen hundert Hausbrauer und Mittelständler haben in den Jahren ihre Zapfhähne endgültig umgedreht oder wurden von Konzernen aufgekauft.

Mit rund 300 000 Hektoliter Bier im Jahr, so schätzen Wettbewerber, ist Riegele zwar ein Zwerg im Vergleich zu den nationalen Marken wie Warsteiner, die rund sechs Millionen Hektoliter Bier pro Jahr produzieren. Doch das ist Programm. Riegele steht für Qualität, nicht für Größe. Deshalb ist von Priller auch keine genaue Angabe zum jährlichen Bierausstoß zu erfahren: „Wir sind etwas kleiner als die Münchener Augustiner-Brauerei“, sagt er. Die Großen der Bierbranche wenden das billigere Schnellgärverfahren an. Kein Bier lagert dort drei Monate, bevor es durch den Zapfhahn fließt. Priller hat Riegele deshalb bedingungslos dem Artenschutz verschrieben: Traditionelles retten und Altes flott machen für die Zukunft ist seine Devise. „Ich bin die 32. Braugeneration, das verpflichtet.“

Keine Spur von Bierbauch, kein Schnäuzer, kein bisschen Behäbigkeit ist bei dem flinken Brauereichef zu entdecken. Flugs steigt er aus dem Keller die vielen Stufen des alten Firmengebäudes von 1911 herauf, der Originalholztreppe bleibt keine Zeit zu knarren. Im holzverkleideten, vergilbten Besprechungszimmer angekommen, redet Priller so schnell, wie er denkt – und wie sich die Vorlieben ändern: Wein wird bei den Deutschen immer beliebter als Bier? Folgerichtig will Priller aus der Brauerei „ein kleines Weingut“ machen. Allerdings nur bezogen auf die Qualität der 14 Biere, die das Haus braut, und die sich mit guten Weinjahrgängen messen sollen. „Denn gutes Bier ist eine Lebensphilosophie, das beste Getränk, das ich kenne“, erzählt Priller. Gerade hat die Brauerei eine neue Biermanufaktur in Betrieb genommen, wo Bierliebhaber ihre eigenen 100 Liter Gerstensaft brauen können. Im kommenden Jahr eröffnet Riegele auf dem Firmengelände neben dem Augsburger Bahnhof für neun Millionen Euro eine „Gläserne Brauerei“ als Attraktion für Touristen – die erste ihrer Art in Bayern.

Mit beiden Armen auf die Tischplatte gelehnt und den Oberkörper vorgebeugt, treibt er seine Ideen mit leicht gerolltem, bayrischem „R“ durch den Raum. „Wir brauen für Konsumenten, denen Geschmack und Qualität am wichtigsten sind.“ Sein fester Blick, seine gefalteten Händen erwecken den Anschein, dass er schon ein paar Jahrzehnte mehr Erfahrung gesammelt hat. Zum Beweis öffnet er mit einem Plopp den Bügel einer dunklen Glasflasche ohne Etikett, die er gerade aus der Minibar neben dem Konferenztisch geholt hat. Ein neues obergäriges Spezialbier als Sonderedition. „Mehrere Malzkomponenten“, sagt Priller, und nippt an dem Gebräu, „und purer Aroma-Hopfen mit leichten Zitrusnoten – hmmm, sehr gut.“

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