Singapur
Boom nach Plan

Gelenkter Aufschwung und Prügelstrafe: In Singapur funktioniert der scheinbare Widerspruch zwischen autoritärer Herrschaft und liberaler Wirtschaft. Nach Asienkrise und Sars hat der Kleinstaat so den Turn-around geschafft. Um auch erfolgreich zu bleiben, wagt der Kleinstaat nun sogar etwas bislang Undenkbares.

SINGAPUR. Wer in diesen Tagen über die Orchard Road flaniert, der sieht es sofort: Die mageren Jahre in Singapur sind vorbei. Die Läden entlang der Einkaufsmeile bersten vor Kundschaft. Das Geschiebe der Kaufwütigen hat etwas Elektrisierendes, Optimismus liegt in der Luft, es riecht förmlich nach Geld. "Der Boom hier ist echt, und er ist von Dauer“, sagt Tim Philippi, Chef der deutschen Handelskammer in Singapur, "die Stimmung hat sich radikal gedreht.“

Wäre Singapur ein Unternehmen, es hätte einen gelungenen Turn-around hinter sich. Seit Ende der neunziger Jahre hat das neben der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong reichste Fleckchen Asiens einen Schock nach dem anderen wegstecken müssen: erst die Asienkrise, dann das Platzen der Technologieblase, schließlich Sars-Epidemie und Vogelgrippe. Am Selbstbewusstsein der Mini-Nation nagte zudem lange die Sorge, zwischen den aufstrebenden Riesen China und Indien zerrieben zu werden.

Nun hat sich solcher Albdruck gelegt. Angefeuert von einem fieberhaften Bauboom wuchs Singapurs Wirtschaft in den ersten drei Quartalen dieses Jahres mit über neun Prozent. Die Zeiten, als Singapur als "Tigerstaat“ mit Südkorea, Hongkong und Taiwan den westlichen Industrieländern eine Lehre in Sachen Dynamik und Zielstrebigkeit gab, leben wieder auf.

Was neu ist: Der neue Boom stellt dieses Mal auch das autoritäre politische System, das Staatsgründer Lee Kuan Yew eingeführt hat, infrage. Das rigide Rechtssystem, das schon kleine Verstöße mit Haft oder Stockhieben bestraft, erweist sich zunehmend als Investitionshemmnis. Denn soll Singapur weiter blühen, braucht es dringend Kapital – und Menschen.

"Singapur hat noch nach jeder Krise die Kurve bekommen“, sagt Joachim Ihrcke, Asien-Chef der Unternehmensberatung Dröge, "auch jetzt stimmt die Richtung wieder.“ Von seinem Büro blickt der Asien-Veteran auf eine Großbaustelle, wo einer von vielen neuen Wolkenkratzern gen Himmel wächst. Andernorts erheben sich sündhaft teure Apartmentblöcke, getauft auf verkaufsfördernd kosmopolitische Namen wie "St. Regis“ oder "Tribeca“. Und sie sind gefragt wie nie: "Ausverkauft!“ verkünden Plakate von den halbfertigen Betongerippen.

Beherbergen sollen die neuen Luxusherbergen den Zustrom hochbezahlter Wissensarbeiter aus aller Welt. Denn ihr Andrang führt in Singapur allerorten zu Engpässen: Internationale Schulen platzen aus allen Nähten, Hotelzimmer sind knapp, die Wohnungsmieten sind im vergangenen Jahr um ein Drittel gestiegen, bei Büros sogar um die Hälfte.

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