Softwaresysteme
Reise in die Antarktis

Organisatorische Schwachstellen, unmotivierte Mitarbeiter, unklare Regeln: Mit der Einführung neuer Softwaresysteme fangen für viele mittelständische Unternehmen die Probleme erst an. Viele Projekte überschreiten die Zeit- und Budgetvorgaben, andere scheitern. Wie Unternehmen Fehler bei der Auswahl neuer Softwareprogramme vermeiden.
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Wenn er über sein letztes Softwareprojekt redet, gerät Stefan Jenni leicht in Rage. Statt im gewohnt gemütlichen Schwyzerdütsch wettert der IT-Profi dann über Unternehmensberater mit hochnäsigem Strategiegehabe und Softwareberater, die ihren Markt nur vom Hörensagen kennen. "Wenn wir so arbeiten würden wie die, wären wir längst pleite", sagt der Leiter Informatik beim Haushaltsgerätehersteller V-Zug AG im schweizerischen Zug, dessen Produkte in Deutschland der Küchengeräte-Hersteller Küppersbusch vertreibt.

Im Frühjahr 2006 hatte sich V-Zug entschieden, sein Warenwirtschaftssystem, das mehr als ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel hat, durch ein modernes, sogenanntes ERP-System (Enterprise Ressource Planning) zu ersetzen und die im Unternehmen verstreuten Daten zusammenzuführen. Weil Jenni sich auf dem ERP-Markt nicht auskannte, wandte er sich an Berater - von der Zweimannklitsche bis zur Großberatung Accenture. "Ich bin sehr enttäuscht von den sogenannten unabhängigen Beratern, die sowieso nur SAP verkaufen wollen", ärgert sich Jenni.

Von den Qualen bei der Auswahl eines ERP-Systems, das möglichst viele Geschäftsprozesse wie Materialwirtschaft, Rechnungswesen und Personalwirtschaft ohne Brüche abbilden soll, können viele Mittelständler ein Lied singen. Ein Report des Bostoner Marktforschungs- und Beratungsunternehmens Standish Group kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: Nur 35 Prozent aller Softwareprojekte weltweit werden innerhalb der Zeit- und Budgetvorgaben abgeschlossen. 46 Prozent enden mit teils massiven Mängeln oder deutlichen Termin- beziehungsweise Budgetüberschreitungen. Und 19 Prozent gelten gar als vollständig gescheitert.

Von der Vorbereitung bis zur Datenübernahme kann etliches schiefgehen; zuweilen klappt gar nichts, dann treffen sich die Vertragspartner später vor Gericht wieder. Die Berliner Wirtschaftsprüfer von KPMG haben festgestellt, dass jedes zweite deutsche Unternehmen pro Jahr mindestens ein fehlgeschlagenes IT-Projekt verkraften muss. Für einen Mittelständler, der ein neues ERP-System zur Steuerung seiner Unternehmensprozesse einführen will, kann so ein Projekt über Leben oder Insolvenz entscheiden. Allerdings sind Mittelständler, so eine Studie des Oldenburger Forschungsinstituts für Informatikwerkzeuge und -systeme, deutlich seltener als Großunternehmen vom Scheitern bedroht - da ihre Geschäftsprozesse weniger komplex sind als die von Großkonzernen.

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