Solarbranche
Mittelstand vor Überholmanöver

Bislang dominieren japanische Konzerne den Markt für Sonnentechnik, doch kein anderer Solar-Standort bietet so viel Dynamik wie Deutschland. Gerade mittelständische Unternehmen holen derzeit mit großen Schritten auf – und setzen zum Überholen an.

KÖLN. Angriff ist die beste Verteidigung. Weil es den Solarenergie-Riesen aus Japan zunehmend an den Kragen geht, reagieren sie offensiv. Beispielsweise Weltmarktführer Sharp: In der Stadt Sakai nahe Osaka baut er die größte Solarfabrik der Erde, die Produktion soll im März 2010 starten. Sharp plant, hier jährlich Dünnschicht-Silizium-Zellen mit einer geballten Leistung von einem Gigawatt fertig zu stellen und den Weltmarkt im großen Stil mit den Zellen der neuesten Generation zu beliefern.

In der Solarindustrie ist Japan die Weltmacht, fünf der globalen Top-10-Produzenten kommen aus Nippon. Doch insbesondere Deutschland macht den Asiaten verstärkt Konkurrenz. Angespornt von einer förderwilligen Politik floriert die alternative Energie hierzulande, während in Fernost Stagnation einkehrt. "Japan ist erschüttert von der Ernsthaftigkeit, mit der europäische Länder die Solarenergie angreifen", sagt Branchenkenner Tetsuya Wadaki, Senior Analyst bei Nomura Securities Co Ltd. in Tokio. "Die japanische Position ist bedroht." Zwar haben die Asiaten mit einem Produktionsvolumen von jährlich 922 Megawatt noch immer den Spitzenplatz inne, doch boomt kein anderer Markt wie der deutsche: 2006 gingen hier Solaranlagen mit 960 Megawatt Leistung ans Netz, dreimal so viel wie in Fernost.

Die Stärke der japanische Hersteller hat politische Gründe: Kein anderes Land begann derart früh damit, die Solar-Technologie massiv mit öffentlichen Mitteln zu fördern. Federführend ist das Wirtschaftsministerium, dessen Planer 4820 Megawatt installierte Photovoltaik-Anlagen als Zielgröße bis Ende 2010 festgelegt haben. Dafür investierte der Staat frühzeitig: Ab 1994 gab es öffentliche Subventionen für den heimischen Kollektormarkt. Mit einem Zuschuss von 125 Euro pro Kilowatt schaffte die Politik den entscheidenden Anreiz zum Einbau. Insgesamt stellten japanische Privatleute und Unternehmen infolge des Programms bis heute rund 250 000 Solaranlagen auf ihre Dächer. "Durch die frühe Förderung hatte Japan einen sehr guten Start", sagt David Wortmann, Solar-Fachmann und Direktor der Nord-Ost-Asienabteilung der bundeseigenen Marketinggesellschaft "Invest in Germany". Doch die Zeiten haben sich geändert, Japan hat die Förderung nach dem erfolgreichen Start der Solartechnik eingefroren. "Der Markt stagniert seitdem Ende der Förderung", sagt Wortmann.

Während das jährliche Output an Solarzellen in Japan 2006 nur noch um zehn Prozent zunahm, waren es in Deutschland 60 Prozent. Den Hauptgrund sehen Branchenkenner in den politischen Rahmenbedingungen. Die Bundesregierung setzt mit Förderprogrammen wie dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) weiterhin auf staatliche Anreize. "Die deutsche Politik scheint mit dem EEG vorausschauender gehandelt zu haben", meint Wortmann. Das Gesetz sichere die Nachfrage nach Solarstrom. Beim Vergleich der Forschung und Entwicklung in beiden Ländern sieht Wortmann Vorteile für die hiesige Struktur: "Die Forschung ist eng mit dem Markt verknüpft, das fördert Innovationen."

Die Struktur der Solar-Wirtschaft in beiden Ländern unterscheidet sich deutlich: Während hierzulande mittelständische Spezialunternehmen den Markt prägen, bestimmen in Japan wenige Großkonzerne wie die Elektronik-Riesen Sharp, Sanyo oder Kyocera das Geschehen. Sie entwickeln und produzieren Zellen, Wafer und komplette Photovoltaikanlagen. "Die japanischen Konzerne haben die Wertschöpfungskette integriert", sagt der Analyst Wadaki. Und fahren mit dem Modell gut, die Produktion sei effizient und international wettbewerbsfähig. "Deshalb können sie auch vom Boom in Europa profitieren", so Wadaki. Derzeit sind die japanischen Konzerne stark um eine Ausweitung ihrer ausländischen Produktionen bemüht. Mittelfristig sieht Wadaki für die deutschen Anbieter allerdings bessere Chancen: "Wir glauben, dass horizontale Strukturen wie in Deutschland erfolgreicher sein werden." Carsten König, Geschäftsführer beim Bundesverband Solarwirtschaft, schließt sich dem gerne an: "Anders als in japanischen Mischkonzernen kann man Fehlentwicklungen bei der PV-Technik hierzulande nicht durch Innerbetriebliche Umschichtungen auffangen." Dies sporne zu Innovationsdenken und Qualitätsbewusstsein an.

Das deutsche Fördermodell stößt aber auch auf Kritik. Die Kosten für den Solarstrom seien überhöht, findet Manuel Frondel, Leiter des Kompetenzbereichs Umwelt und Ressourcen beim RWI Essen. "Über das EEG finanzieren wir viele ausländische Arbeitsplätze", sagt er. Japanische Unternehmen profitierten über Exporte von der Förderung. Denn die Nachfrage in Deutschland erfordert weitere Importe. Frondel spricht von einem "künstlich überhitzten Markt". In Japan führte solche Kritik zum Umdenken: "Die Regierung beugte sich dem Druck und reduzierte ihre Subventionen", berichtet Tetsuya Wadaki. Der Analyst vermutet allerdings, dass sich dies bald wieder ändern muss, wenn Japan alternative Energien vorantreiben und seinerseits die heimischen Hersteller fördern will. Die Kurskorrektur vor ein paar Jahren jedenfalls habe einen Führungswechsel bedeutet: "Wenn es um die Industriepolitik geht, liegt Deutschland heute weit vor Japan."

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