Sparkasse finanziert Umbau
Kirche als Gourmet-Tempel

Viele Unternehmen verkaufen ihre Immobilien, um die Liquidität zu verbessern – oder um einfach nur Kosten zu senken. Für die großen deutschen Kirchen war das bisher aber ein Tabu. Doch die schrumpfenden Gemeinden und die demographische Entwicklung fordern ihren Preis.

FRANKFURT. Angesichts sinkender Steuereinnahmen wollen sich die Kirchen von Liegenschaften trennen – doch die Nachnutzung der Bauten ist oft problematisch. Ein spektakuläres Beispiel ist dagegen der Verkauf der Bielefelder Martini-Kirche für den symbolischen Betrag von einem Euro an die Living Event GmbH. Die Backsteinkirche, deren Bau auf den Gründer der Bodelschwingh’schen Anstalten zurückgeht, wurde in ein Restaurant mit gehobenem Anspruch umgebaut: Essen statt beten.

Mehr als 2,5 Mill. Euro haben Sanierung und Umbau der halb verfallenen Kirche gekostet. „Alleine hätte ich das auf keinen Fall geschafft“, sagt Gastronom Achim Fiolka, Geschäftsführer der Living Event in Werther. Finanziert wurde das Bauvorhaben über die Bielefelder Sparkasse mit Mitteln der KfW und Darlehen von der Getränkeindustrie – wie zum Beispiel der Brauerei Becks.

Für die Darlehen musste Fiolka nach eigenen Angaben viel Überzeugungsarbeit leisten. Den Durchbruch brachten schließlich seine unternehmerische Erfahrung und ausreichende Sicherheiten. Fiolka betreibt bereits drei Restaurants, die jetzt als Sicherheit dienen. „Bei einem Existenzgründer ohne langjährige Erfahrungen in der Branche wäre die Entscheidung vielleicht anders ausgefallen“, sagt Gabriele Franta, Firmenkundenbetreuerin bei der Sparkasse Bielefeld.

Für die Kreditgeber aus der Getränkeindustrie waren das „profilstarke Objekt“ sowie eine „viel versprechende Absatzstätte“ entscheidend. Nun will Fiolka das Konzept auf andere Kirchen übertragen und sucht dafür nach neuen Standorten und Investoren: Fünf Kirchen seien ihm bereits angeboten worden, sagt er.

Aus der Not ist ein neuer Markt entstanden. So hat sich die Projektentwicklungsgesellschaft CC Consult GmbH in Gütersloh auf die Umnutzung von Kirchen spezialisiert und bringt Eigentümer und Kapitalgeber zusammen. Geschäftsführer Giesbert Kuhn sagt: „In den Niederlanden geht es bereits soweit, dass aus Kirchen Supermärkte gemacht werden.“ Und er fügt hinzu: „Wir suchen nach sozialverträglichen Lösungen.“

Im Gegensatz zur katholischen Kirche reicht bei evangelischen Gotteshäusern ein Beschluss zur Entwidmung aus, um sie – zumindest zeitweise – einer neuen Nutzung zuzuführen. Diese Entwidmung lässt also noch ein Hintertürchen offen. Eine Rückkehr zur liturgischen Nutzung ist denkbar, wenn die Bausubstanz gesichert ist. Sie ist ohne Investor aber auch teuer. 15 000 Euro pro Jahr kostet allein der Erhalt einer ungenutzten Kirche. Und viele Kirchengemeinden können dieses Geld nicht mehr aufbringen. Hatte die katholische Kirche doch allein zwischen 1996 und 2000 hat über zwei Mrd. Euro in den Denkmalschutz investiert.

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