Existenzgründung
Lieber langsam wachsen als schnell untergehen

„Wissen Sie, was erfolgreiche von erfolglosen Gründern unterscheidet? Nur eine einzige Sache: Die einen tun's, die anderen nicht“, sagt die Karriere- und Gründungsberaterin Svenja Hofert. Die Hamburgerin stellt gängige Gründungsregeln auf den Kopf und erklärt, welche Fallstricke auf dem Weg zur Selbstständigkeit lauern.
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Handelsblatt Online: Frau Hofert, noch nie seit der deutschen Einheit war das Interesse an der Selbstständigkeit geringer als heute. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag rechnet damit, dass es im Jahr 2012 weniger als 400.000 Existenzgründungen geben wird – und damit so wenige wie in keinem Jahr zuvor seit der Wiedervereinigung. Woran könnte das liegen?

Svenja Hofert: „Sehr viele Menschen, die sich für eine Gründung interessieren, werden, das stelle ich in meiner täglichen Arbeit als Beraterin fest, extrem abgeschreckt von den Banken und den Industrie- und Handelskammern. Dort herrscht teilweise ein richtig böser Umgangston, denn es geht um Wirtschaftsförderung und um Standorte. Insbesondere dann, wenn man entgegen der Tradition nicht mit großem Businessplan und möglichst viel Geld seine Existenz startet und von zu Hause aus arbeitet, ist man für diese Organe uninteressant. Da gibt es einen Gegenwind, der mich teilweise erschüttert.“

Gibt es noch andere Gründe?

„Sicherlich spielt auch die Budgetkürzung für den Gründungszuschuss, der Arbeitslosen beim Start in die Selbstständigkeit helfen soll, eine Rolle. Seit dem Jahreswechsel ist dieser nur noch eine „Ermessensleistung“ und es besteht kein Rechtsanspruch mehr darauf.

Das alles sind Hürden, die einem in den Weg gestellt werden. Das Feedback, dass Gründer dann auf eine Idee erhalten, fußt auf Standards, die vielleicht in den 80er Jahren Sinn gemacht haben, aber nicht mehr heute. Die Regeln, die in den IHKs hochgehalten werden, gelten häufig nicht mehr, denn es geht um hochkomplexe Ideen, wozu sie keine Studien und keine Muster-Businesspläne vorliegen haben. Aber kleine Selbstständige, die dann zur IHK gehen, bekommen dort zu hören: „Das ist ja eine schwachsinnige Idee“ oder „Vergessen Sie das mal lieber“. Diese Leute gehen dann enttäuscht nach Hause und sind deprimiert. All das hält Menschen davon ab, zu gründen.“

Mit ihrem Buch „Das Slow-Grow-Prinzip“ wollen Sie Gründern durch den Fokus auf ein Wachstum im eigenen Tempo die Angst vor dem Scheitern nehmen. Warum sollten Selbstständige lieber langsam wachsen und wie geht das?

„Mit langsam meine ich den Prozess des langsamen Wachstums im Gegensatz zur gängigen Gründungstheorie, die gelehrt wird. Dort fangen Sie bei der Vision an, über die lange und viel nachgedacht und erst am Ende unten begonnen wird. Dabei ist das, was in einem Businessplan steht, oft vollkommen abstrakt. Ich habe beobachtet, dass unter den Selbstständigen häufig diejenigen erfolgreicher sind, die anfangs keinen Plan hatten.

Die meisten Selbstständigen brauchen Zeit, um sich und ihre Idee zu entwickeln. Dazu kommt: Nicht jeder hat das gleiche Energielevel und Tempo. Nicht jeder kann gleich mit Siebenmeilenstiefeln Richtung Erfolg rennen. Die allermeisten Menschen brauchen Schuhe, die passen, und gehen erst einmal überschaubare Schritte.“

Was bedeutet das konkret?

„Damit meine ich, dass man sich vielleicht zunächst ein kleines Projekt überlegt mit dem man Schritt für Schritt erste Erfahrungen macht – in Form eines Gründens vor der Gründung. Überlegen Sie sich: Was kann ich, funktioniert das, was ich vorhabe, kommt es an und – not least – kauft das überhaupt jemand? Die Erfahrungen, die Sie so machen, helfen Ihnen in einem entscheidenden Maße dabei, Ihre Stärken und Schwächen zu sehen – und damit die für Sie geeignete unternehmerische Form sowie Potentiale für persönliches Wachstum zu entdecken.“

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Geht's auch ohne viel Geld?

Kommentare zu " Existenzgründung: Lieber langsam wachsen als schnell untergehen"

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  • @Exit: Ich teile einiges von dieser Schwarzseherei nicht. Und eines ganz bestimmt nicht, die Gründung nach der Krise. Erstens: Wer in der Krise kein Geld verdienen kann, der kann es danach auch nicht. Zweitens: Wer die Krise nutzt ist nach der Krise aufgestellt. Drittens: Unternehmer haben immer die unterschiedlichsten Denkaufgaben zu lösen, mal auf den Betrieb bezogen, mal in anderer Richtung. Jetzt dominiert halt mal die Volkswirtschaft. Na und? Produkte und Dienstleistungen sind Problemlösungen. Stellt sich doch nur die Frage: Wann gibt es genug Menschen, die sich die Lösung ihres Problemes was kosten lassen.

  • Hallo Zusammen,
    ich hoffe das ich hier einen kleinen Rat erhalten kann.

    Ich möchte mich Selbständig machen (freiberuflich) in Sachen Projektplanung und Design.
    Ich habe mir schon einiges angelesen, werde wahrscheinlich auch noch einen professionellen Steuerberater in Sachen Medienrecht etc. heranziehen müssen.

    Meine Daten:
    Gründung auf Basis der Kleinunternehmer Regelung.
    Verheiratet, keine Kinder.
    Kein ALG, Kein Hartv 4 Bezug, nicht beim A-Amt gemeldet
    Raum Köln

    Frage:
    - Muss ich ein Gewerbe anmelden?
    - wenn ja: muss dies vor der Anmeldung meiner Steuernummer beim Finanzamt geschehen?

    - Was muss ich vor der "Steuerlichen Erfassung" noch alles Beantragen / Beachten?

    - Wie verhält es sich versicherungstechnisch mit dem Beitrag? Habe da unterschiedliche Meinungen gehört.
    Laut Krankenkasse darf ich monatlich 375Euro dazu verdienen, um dann noch über meinen Mann versichert zu sein.

    - Kann man Förderungen bekommen, ohne beim A-Amt gemeldet zu sein?

    Für Ihre Tipps und Ratschläge bin ich Ihnen allen schon im Voraus mehr als dankbar!!!
    Schließlich haben Sie den Schritt schon gewagt, den ich noch machen will und ganz wichtig: ES hat funtkioniert, oder?

    Grüße aus Köln

  • Guido Wirtz

    Zwei Beispiele für den grassierenden Irrwitz i.b. von Banken gegenüber Unternehmensgründern.

    Beispiel 1:
    Ich habe mit einem Businessplan und einer soliden Plan-Ertragsrechnung für ein Jahr bei einer Bank vorgesprochen. Die Planrechnung wies bereits im ersten Jahr schwarze Zahlen aus. Dieses Unternehmen musste also nicht krampfhaft wachsen. Doch was wollte die Bank? Mindestens drei Jahre Vorschau und - natürlich - ein saftiges Planwachstum
    Die Qualität der Prognose? Egal! Hauptsache ein imposantes Szenario.

    Beispiel 2:
    Eine IT-Neugründung konnte gleich zwei Szenarien aufzeichnen: Profitabel auf kleiner Flamme war ebenso möglich wie die ganz große Nummer.
    Interesse der Banken? Null.
    Die Alternative? Eine private Family- & Friends-Finanzierung.

    Was geschah? Nach ein paar Jahren als solides, kleines Unternehmen konnte die große Nummer entwickelt werden und das ehemals zarte Pflänzchen ging mit inzwischen über 200 Mitarbeitern an einen großen internationalen Wettbewerber.

    Danke an alle kurzsichtigen Banken, die über 300% Rendite p.a. uns privaten Investoren überlassen haben.

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