Standort Thüringen
Thüringen: Schönheit mit Schönheitsfehlern

Thüringen bietet dem Mittelstand günstige Rahmenbedingungen: Die Gewerbesteuer liegt unter dem Bundesdurchschnitt. Die Schulen bilden gut aus, die Unternehmen finden qualifizierte Mitarbeiter. Klingt nach einem Paradies für kleine und mittlere Unternehmen, hätte das derzeit dynamischste unter den neuen Ländern nicht einige Schönheitsfehler.
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ERFURT. Die meisten der rund 2000 Brücken, die das Erfurter Ingenieurbüro Thomas Kleb seit seiner Gründung 1990 entworfen und realisiert hat, stehen in Thüringen. Als der heute 47-jährige Ingenieur sich im Jahr der Wende selbstständig machte, arbeitete er erst einmal im Zweimannbetrieb und ohne Telefonanschluss. Heute beschäftigt er 30 Mitarbeiter, und in der vergangenen Woche kürte ihn der Bundesverband mittelständische Wirtschaft zum "Unternehmer des Jahres 2006". Die Festredner im Erfurter Rathaus überboten sich vor allem in Lobpreisungen für das soziale Engagement des Mittelständlers aus Thüringen, der eine Armenküche, internationale Begegnungen und viele andere karitative Zwecke unterstützt.

Dabei hat sich Kleb allein schon durch seine berufliche Tätigkeit um das Wohl des Landes verdient gemacht. Für das kleine Thüringen, durch Flussläufe, Höhenzüge und Bergwälder zerklüftet wie wenige Gegenden Deutschlands, waren die nach der Wende in den Straßen-, Schienen- und Brückenbau fließenden Gelder des "Aufbaus Ost" noch viel bedeutender als für andere ostdeutsche Regionen. "Das grüne Herz Deutschlands brauchte dringend ein paar Bypässe, um zu funktionieren", meint einer der Festredner.

Die Operationen haben dem Patienten offenbar auf die Beine geholfen. Im Bundesländer-Vergleich der WirtschaftsWoche schaffte es das Bundesland Thüringen in diesem Jahr auf den dritten von 16 Plätzen im Dynamik-Ranking, hinter dem Saarland und Bayern. Nirgendwo in den neuen Ländern scheinen derzeit die wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven besser als hier, auch wenn der Abstand zum westlichen Bundesgebiet immer noch sehr weit ist. Mindestens fünf bis zehn Jahre, meint Ministerpräsident Althaus, werde Thüringen noch brauchen, um den Anschluss an die westlichen Bundesländer zu finden.

Leicht wird das nicht. Denn das Land leidet unter Bevölkerungsschwund. Von 2003 bis 2005 ist die Bevölkerungszahl um 1,6 Prozent zurückgegangen - der zweitgrößte Wert aller Bundesländer und keine gute Voraussetzung für einen wirtschaftlichen Aufschwung. In der Landeshauptstadt Erfurt sank die Zahl der Einwohner in den vergangenen zehn Jahren um insgesamt über fünf Prozent, in Gera, der zweitgrößten Stadt Thüringens, gar um über 16 Prozent.

Einzig Jena, die derzeit noch kleinste der drei thüringischen Großstädte, stemmt sich mit einem allerdings minimalen Wachstum von knapp einem Viertelprozent seit 1995 gegen den Trend. Die vor allem in Naturwissenschaften und Informatik brillierende Friedrich-Schiller-Universität mit ihren 20 000 Studenten trägt dazu heute mehr bei als der Technologiekonzern Jenoptik, der in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung als Musterbeispiel eines erfolgreichen ostdeutschen Unternehmens galt.

Die Hochschullandschaft, hofft Ministerpräsident Althaus, soll den Bevölkerungsrückgang stoppen helfen. Gerade weil in den ersten Jahren nach dem Fall der Mauer in Thüringen wie in ganz Ostdeutschland die Geburtenzahlen dramatisch zurückgingen, werden von 2008 an viel weniger Landeskinder einen Studienplatz suchen als bisher: viel Platz also für junge Westdeutsche oder auch Ausländer an den Hochschulen in Jena oder Erfurt, Ilmenau oder Nordhausen. Vielleicht, so die Hoffnung der Erfurter Landespolitiker, bleiben diese Zuwanderer auch nach dem Studium in der Region und kehren den demografischen Trend um.

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