Stein Bagger
Ein echter dänischer Zahlenkünstler

Peinlich, peinlich, was sich da die vergangenen Wochen in Kopenhagen abgespielt hat: Stein Bagger, charismatischer dänischer IT-Unternehmer, hat sie alle an der Nase herumgeführt. Die Experten von Ernst & Young, die Spezialisten der Banken Danske Bank, SEB und Nordea, die Fachpresse.

STOCKHOLM. Sie alle sind dem stets im feinsten Armani-Zwirn gekleideten Unternehmer aufgesessen. Jetzt kennt die Schadenfreude in der dänischen Metropole keine Grenzen mehr, und der smarte Unternehmer wird die kommenden Jahre wohl auf Luxusappartements und Sportwagen verzichten müssen. Seit dem Wochenende sitzt er in Haft.

Doch der Reihe nach. Es war einmal ein kleines dänisches IT-Unternehmen. Die IT-Factory aus Kopenhagen entwickelte unter dem Slogan „We bring software to the internet“ Lösungen für kleine und mittelständische Unternehmen. Und das nach Aussagen ihres Chefs Stein Bagger mit größtem Erfolg. Der 41jährige ließ die Dänen vom Riesenerfolg eines kleinen dänischen Software-Unternehmens träumen. Auch Apple und Microsoft entstanden schließlich in einer Garage.

Die Garage von IT-Factory war ein unscheinbares Hinterzimmer nahe des Hauptsitzes. Hierhin zog sich Bagger immer wieder einmal zurück, um seine Kreativität so richtig ausleben zu können. Dort saß er dann, meist nachts, und tüftelte. Er, der immer wieder betonte, dass unternehmerischer Erfolg nur durch harte Arbeit zu erreichen sei, er, der angeblich erst nach 100 Stunden Arbeit pro Woche ein wenig Freizeit mit den Schönen der Stadt genießen durfte. So traktierte er sein wichtiges Entwicklungsinstrument, den Kugelschreiber. Doch nicht etwa Skizzen über eine neue Killer-Application, sondern Leasingverträge wurde da am laufenden Band entworfen und unterschrieben.

Was der Staatsanwalt heute als doppelte Buchführung und groben Betrug bezeichnet, machte Eindruck bei Bankern und Unternehmensberatern. Und der Fachpresse. Die dänische „Computerworld“ und die Berater von Ernst & Young kürten Bagger erst vor 14 Tagen zum innovativsten dänischen IT-Unternehmer mit einem äußerst erfolgreichen Geschäftsmodell.

Der hatte gerade eine Verdoppelung des Umsatzes von IT-Factory in diesem Jahr auf zwei Mrd. Kronen (268 Mio. Euro) prognostiziert. Solche Zahlen imponierten. Vor allem Dänemarks größte Bank Danske Bank, aber auch die schwedische SEB und Nordea wollten am Erfolg der Wachstumsrakete teilhaben und gewährten großzügige Kredite. Insgesamt liehen sie Baggers Unternehmen 1,5 Mrd. Kronen. Die sind jetzt weg, die IT-Factory pleite.

Baggers Partner Asger Jensby entdeckte mehr zufällig das Hinterzimmer-Büro seines Kompagnons. Er will von den Betrügereien nichts gewusst haben. Bagger war bereits verschwunden. Ein internationaler Haftbefehl ging heraus. Und dann, am Wochenende, spazierte der Zahlenkünstler ganz freiwillig auf eine Polizeistation im fernen Kalifornien und stellte sich. Er sei Opfer einer Verschwörung geworden, sagte er. Nun wird Bagger an Dänemark ausgeliefert, und dem Prozess gegen den innovativen IT-Unternehmer dürften vor allem die Banken, Unternehmensberater, aber auch die Presse mit einigem Unwohlsein entgegensehen. Mit einer Ausnahme: Es war eine Bloggerin, die dem vermeintlichen Betrüger Bagger nach monatelangen Recherchen das Handwerk legte.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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