Steuerrecht
Deutsche gehen stiften ohne schlechtes Gewissen

Ob in Liechtenstein oder in Deutschland - Stiftungen sind im Trend. Die Geldgeber verfolgen meist gemeinnützige Zwecke. Immer mehr wollen jedoch auch von den steuerlichen Vorteilen profitieren - und der Staat unterstützt sie nach Kräften.

DÜSSELDORF. Dass Stiftungen auch finanzielle Vorteile bringen können, ist den meisten Deutschen spätestens seit der Steuerhinterziehungs-Affäre um den ehemaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel klar. Dieser hatte über eine Stiftung in Liechtenstein einen Teil seines Vermögens elegant am Fiskus vorbeischleusen wollen. In Deutschland verfolgen die meisten Geldgeber aber tatsächlich gemeinnützige Zwecke. Allerdings wollen sie immer häufiger auch von steuerlichen Vorteilen profitieren - und der Staat unterstützt sie dabei nach Kräften.

Trotz ihres angekratzten Rufs erleben Stiftungen in Deutschland derzeit einen nie dagewesenen Boom. Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen erreichte ihre Zahl im vergangenen Jahr mit 15 500 einen neuen Höchststand. Etwa jede zehnte Stiftung ist davon unternehmensnah. Erstmals gab es in einem Jahr mehr als 1 000 Neugründungen. Zum Vergleich: 2006 waren es knapp 900, 1990 gerade einmal 181.

Ein Grund für die neue Lust am Geldgeben ist das "Gesetz zur weiteren Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements", das der Bundesrat im vergangenen September verabschiedet hat. Rückwirkend zum Jahresanfang 2007 können Stifter Zuwendungen bis zu einer Million Euro pro Person in das Grundvermögen einer gemeinnützigen Stiftung in der Einkommensteuererklärung geltend machen - und über zehn Jahre frei verteilen. Ehepaare können bis zu zwei Mill. Euro steuermindernd stiften. Vorher war dies nur bei Zuwendungen bis knapp 300 000 Euro möglich. Zudem ist der übertragene Besitz von der Erbschaftsteuer befreit, und Gewerbe- oder Körperschaftsteuer belasten nicht die vom Stiftungsvermögen angehäuften Zinsen, Dividenden und Kursgewinne.

Auch zur Unternehmensnachfolge eignet sich das Instrument. Mittelständler können ihre Firma beispielsweise in eine unternehmensverbundene Stiftung umwandeln. "Der Bestand des Unternehmens ist auf Dauer garantiert, weil eine Stiftung per Definition unsterblich ist", sagt Jörg Martin, Geschäftsführer der Deutschen Stiftungsagentur. "Auch wenn die Kinder nichts mit dem Unternehmen des Vaters zu tun haben wollen, kann dies den Zusammenhalt der Firma zementieren."

Voraussetzung für steuerliche Begünstigungen ist das Kriterium der Gemeinnützigkeit, das 95 Prozent aller deutschen Stiftungen erfüllen. So auch die Robert Bosch (RBS), die jährlich 200 Mill. Euro in Projekte investiert. Dabei profitiert die RBS nicht einmal von der steuerlichen Neujustierung des Gesetzgebers, weil sie als GmbH organisiert ist. Ihrer Finanzkraft tut dies keinen Abbruch. Mit einem Vermögen von über fünf Mrd. Euro ist die RBS die größte Stiftung Deutschlands.

Demgegenüber ist die Martin-Görlitz-Stiftung mit 250 000 Euro nicht ganz so üppig ausgestattet. Die Einrichtung unterstützt Projekte mit dem Ziel nachhaltiger Energienutzung und-gewinnung. Das Jahresbudget liegt bei rund 100 000 Euro, zu einem großen Teil aufgebracht durch Zuwendungen von Martin Görlitz selbst. Dieser hatte bei der Gründung im Jahr 1995 - als er noch Leiter eines IT-Unternehmens war - selbst einen Teil des Kapitals beigesteuert.

Mittlerweile widmet sich der Koblenzer voll und ganz der Stiftungsarbeit. Die jüngsten Gesetzesänderungen hätten noch keine spürbaren Auswirkungen gehabt, sagt Görlitz. Allerdings sei die Anhebung der Freibetragsgrenzen lange überfällig gewesen. "Das Stiftungswesen hat in den letzten Jahren klar an Popularität gewonnen; immer mehr Menschen wollen selbst entscheiden, was mit ihrem Geld passiert", sagt Görlitz.Trotz des Aufschwungs und der steuerlichen Bevorzugung wird Deutschland aber wohl kaum zu einem neuen Paradies für Steuerhinterzieher. Die rechtliche Lage in der Bundesrepublik sieht ganz anders aus als beispielsweise in Liechtenstein. "Die Arbeit der Aufsichts- und Finanzbehörden und klare Governance-Grundsätze wahren das Transparenzgebot", sagt Ulrich Bopp vom Vorstand des Bundesverbands. Wer bei der Steuer mogeln will, muss sich auch in Zukunft nach Stiftungen im Ausland umsehen.

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