Studie: Trend geht zu Gemeinschaftspraxen
Ärzte müssen rechnen können

Die Arztpraxis als Unternehmen - für viele Mediziner ist das kein Widerspruch. Unternehmerisches Denken ist notwendig: Denn Medizinisches Gerät ist in der Anschaffung sehr teuer. Viele Mediziner mit eigener Praxis entscheiden sich für Leasing.

WERTHER. Am Zahnärztehaus in Rheda-Wiedenbrück prangt unübersehbar eine riesige Zahnbürste - Wahrzeichen eines neuen, wettbewerbsorientierten und kostenbewussten Medizinertyps. Die Arztpraxis als Unternehmen führen - für Zahnarzt Dr. Jürgen Haut ist das kein Widerspruch, sondern Notwendigkeit. Denn die Zeiten unbegrenzter Krankenkassenbudgets sind vorbei. Steigende Praxiskosten, sinkende Budgets und der Wettbewerb um Patienten zwingen niedergelassene Ärzte dazu, unternehmerisch zu praktizieren. Haut hat sich auf Implantate spezialisiert und behandelt nur noch Privatpatienten. "Das war die richtige Entscheidung", sagt er. "Das neue Geschäftsmodell rechnet sich."

Während viele seiner Kollegen in die Insolvenz gehen müssen - das Insolvenzrisiko bei Zahnarztpraxen ist wegen des größeren Investitionsvolumens höher als bei anderen Medizinern - nimmt die Zahl seiner Patienten zu. Auch weil er ihnen moderne Ratenzahlungsmodelle anbietet. "Voraussetzung für den Erfolg ist, dass die bilanziellen Kennzahlen stimmen", sagt Haut. Ein Kredit bei der Bank allein reiche nicht mehr, um eine Praxis zu finanzieren. Zumal Medizintechnik oft schneller veraltet, als die Kreditraten abbezahlt ist. "Immer mehr Ärzte entscheiden sich daher für Leasing. Einige müssen es sogar, weil sie keinen Kredit mehr bekommen", sagt Peter Wetzel von der auf Heilberufe spezialisierte Advisa Steuerberatung in Duisburg. Dabei werden mittlerweile auch für Leasing die gleichen Bonitätsanforderungen gestellt wie bei Krediten.

Die Preisunterschiede für Leasing sind gewaltig: "Für ein und denselben Zahnarztstuhl beträgt der Unterschied im Effektivzins 22 Prozent", sagt Udo Dewein von der unabhängigen Ratingagentur Lease control AG. Dewein hat sich auf die Bewertung von Leasingangeboten spezialisiert und nimmt sie genau unter die Lupe. "Die Angebote sind so unterschiedlich kalkuliert, dass ein Laie sie nicht vergleichen kann", sagt Dewein. Bei dem Zahnarztstuhl mit einem Anschaffungswert von rund 38 000 Euro zahlen Ärzte daher bis zu 5 000 Euro zuviel. Obwohl Leasingraten voll absetzbar sind, bleibt der Arzt auf einem Teil dieser Mehrkosten sitzen - Geld, das für andere Investitionen nicht mehr zur Verfügung steht. "Die Faustformel Betriebskosten rauf und Steuern runter, geht nicht auf", stellt Dewein klar. "Um Kosten zu sparen, müssen Ärzte genau rechnen". Das fällt vielen offenbar schwer: "In ihrer Ausbildung haben viele nicht gelernt, kaufmännisch zu denken", sagt Peter Wetzel von Advisa. "Bei manchen ist zwar ein Kostenbewusstsein da. Die Preissensibilität beginnt aber erst ab einer bestimmten Größenordnung."

Der Fachbereich Psychologie der Universität Koblenz-Landau hat das unternehmerische Persönlichkeitspotenzial von 259 niedergelassenen Fachärzten getestet. Laut Studie war nur ein Viertel der Ärzte "uneingeschränkt unternehmerisch geeignet. 13,1 Prozent der Ärzte wurden als "unternehmerisch nicht geeignet", 61 Prozent als "bedingt unternehmerisch geeignet" eingestuft.

Bei der Deutschen Bank stehen 200 Berater bereit, um Ärzten unter die Arme zu greifen. Das Institut will damit bis 2010 seine Kundenzahl im Heilberufe-Segment von derzeit 30 000 auf 60 000 verdoppeln.

Nach Auskunft der Deutschen Bank absolviert jeder dieser Berater eine spezielle Ausbildung zu den Themen Arztrecht, Niederlassungsformen, Honorarabrechnung, Praxisbewertung, Ärztezentren und regionale Netzwerke sowie steuerliche und rechtliche Grundlagen. Uneigennützig ist die Dienstleistung nicht, denn an der Finanzierung von Ärzten lässt sich verdienen.

Laut interner Studie nahmen in Deutschland die Ausgaben für Gesundheitsleistungen von 1996 bis 2006 von 195 Mrd. Euro auf 248 Mrd. Euro zu. Künftig wird es nach Einschätzung der Deutschen Bank immer häufiger zu großen Gemeinschaftspraxen kommen. Daraus resultiere ein höherer Finanzierungsbedarf. Das Marktsegment werde lukrativer.

Ähnlich wie der seit Jahren in der Branche tätige Finanzvertrieb MLP will das Institut Studierende bereits an der Universität mit Seminaren zur Praxisfinanzierung anlocken. Etablierten Ärzten sollen Programme zum Zinsmanagement oder auch neue Finanzierungsformen nahegebracht werden.

Dewein rät Ärzten lieber zu einer unabhängigen Beratung: "Vergleiche lohnen sich immer."

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