Trotz aller Warnungen drängen deutsche Unternehmer in den Irak
Zur Bonanza nach Bagdad

Das Geschäft im Irak leidet unter dem Primat der Politik und brigt viele Risiken. Doch deutsche Unternehmen sind längst wieder erfolgreich im Irak aktiv.

Die Veranstaltung zieht sich, die Herren im Saal scharren mit den Füßen. Doch ungerührt erläutert Verbandsvertreter nach Verbandsvertreter, warum Geschäfte im Irak derzeit nicht opportun sind: Keine Sicherheit, keine Kaufkraft, keine Finanzierung, keine Chance gegen US-Firmen. Das Geschäft leide unter dem "Primat der Politik", beklagt Peter Göpfrich, Chef der Deutsch- Arabischen IHK bei einer Kammertagung in Düsseldorf die Dominanz der USA. Und "ohne Begleitschutz" dürfte man Mittelständler gar nicht erst nach Bagdad lassen.

Ganz schön ernüchternd - wüssten es die Praktiker nicht besser, die längst vor Ort und gut im Geschäft sind. "Früher oder später müssen die Amerikaner auf die Europäer zukommen", sagt der Irak-Repräsentant der Siemens AG - ohne sich zitieren zu lassen. Denn offiziell hält sich der Konzern an die Sprachregelung: Siemens habe keine Eile, sich im Irak zu engagieren. Im Kollegenkreis redet der Siemens-Mann anders. Spätestens in 18 Monaten sei die Blockade der Alt-Europäer durch die Besatzer vergessen. Und jetzt werden die Pflöcke einschlagen. Zum Beispiel Anlagengeschäft: Der Pentagon-Auftrag, ein altes irakisches Siemens-Kraftwerk flott zu machen, ging an den US-Konzern Bechtel. Der reichte den Deal an General Electric weiter, die rasch Hilfe suchen mussten - bei Siemens. Die meisten Maschinen und Anlagen im Irak stammen aus Deutschland. Wenn nicht aus der Bundesrepublik, dann aus der DDR.

Auch das Kaufkraft-Argument zieht nicht. "Wir sind schon jetzt im Irak sehr aktiv, und sehr erfolgreich", verrät ein Vertreter der Henkel KGaA. Klar, die Amerikaner bestimmen über Recht und Gesetz, bevorzugen eigene Firmen und schreiben nur Miniaufträge ("150 Schrauben, 150 Muttern", "1 starker Locher") offen aus. Doch deutsche Produkte seien gefragt. Und über den Absatz entscheide nicht die Besatzungsbehörde, sondern der Markt.

Der Nachholbedarf ist immens, die Bevölkerung zahlungsfähig, sagt Gelan-Siham Khulusi, Präsident der Deutsch-Irakischen Mittelstandsvereinigung. Das hilft bislang vor allem jordanischen Händlern, chinesischen Billigherstellern und dem deutsche Gebrauchtwagenmarkt. 40 000 Autos, "meistens alte Opel", stauten sich im Hafen von Akkaba. In Amman, in Abu Dhabi und Katar stünden potente arabische Kapitalgesellschaften bereit, im irakischen Privatsektor zu investieren.

An der Bonanza wollen die Deutschen teilhaben, und ihr Unmut richtet sich nicht gegen Washington, sondern gegen Berlin. Der türkische Premier stelle schon mal seinen Jet bereit, um Manager nach Bagdad zu fliegen; deutsche Firmen müssten einen Spießrutenlauf absolvieren, um irakischen Partnern Visa zu besorgen. "Was macht denn eigentlich unsere liebe Bundesregierung bei der Förderung des Mittelstandes im Irak", fragt ein Anlagenbauer aus Mannheim erbost, "wenn sie uns politisch schon so ins Abseits drängt?"

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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