Übernahme von Problemkrediten
Störenfriede raus

Investmentbanken und Hedge-Fonds kaufen sich im deutschen Mittelstand ein, indem sie Problemkredite von den Hausbanken übernehmen. Im ersten Moment reagieren die Mitarbeiter im Unternehmen zumeist geschockt. Doch die umstrittenen Investoren entpuppen sich häufig als Heilsbringer. Beispiele gibt es mittlerweile genug.
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DÜSSELDORF. Die Münchner Textilgruppe Ploucquet hat sich verhoben. Ein neues Werk in Zittau und der Kauf der Marke Sympatex zahlen sich nicht aus. Die Folge sind Verluste. Doch statt beherzt zu restruk- turieren, streiten bei dem Familienunternehmen rund 40 Gesellschafter um den richtigen Kurs. Was die Sache noch schlimmer macht: Zehn Banken mischen mit, deren Kredite an Ploucquet unterschiedlich gut besichert sind. Frisches Geld will keiner geben. Es geht nicht vor und nicht zurück.

In dieser vertrackten Lage befand sich das Unternehmen vor gut einem Jahr. Am Ende blieb nur der Verkauf. Die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley übernahm im April 2006 zusammen mit dem Finanzinvestor Annex Capital das Unternehmen und sämtliche Kredite mit einem ordentlichen Abschlag. Die neuen Investoren stellten frisches Kapital für die überfällige Restrukturierung bereit. Ploucquet schloss ein Werk in Heidenheim, baute die Produktion in Zittau aus und investierte in die Internationalisierung nach Osteuropa und China. Unterm Strich gingen 40 der insgesamt rund 440 Arbeitsplätze verloren. „Dafür wird Ploucquet in diesem Jahr nach vier Verlustjahren erstmals wieder Gewinn machen", sagt Oliver Kehren, bei Morgan Stanley in London zuständig für den Kauf von Problemkrediten in Deutschland.

Ploucquet ist nur eines von vielen Unternehmen aus dem deutschen Mittelstand, das den Eigentümer wechselte, weil es seine Darlehen nicht mehr pünktlich bedienen konnte. Immer mehr Investmentbanken und Hedgefonds kaufen sich inzwischen in Krisensituationen über die Kreditseite im deutschen Mittelstand ein.

Das Schema ist immer das gleiche. In schwierigen Zeiten kann mancher eigenkapitalschwache Mittelständler seine Darlehen nicht mehr bedienen. Früher mussten Banken mit ihren Schuldnern durch dick und dünn gehen. Kredite waren nicht verkäuflich. Das ist heute anders. Spezialisierte Darlehenskäufer übernehmen die Forderungen - und das nicht selten mit hohen Abschlägen. Der Preis hängt vom Ausmaß der Schieflage ab. Manchmal sind es nur wenige Prozentpunkte Abschlag auf den Nennwert, manchmal aber auch bis zu 70 Prozent. Je niedriger der Preis, desto häufiger wandeln die Aufkäufer ihre Darlehen anschließend in Eigenkapital um und werden zu neuen Eigentümern.

In Deutschland hat sich der Markt für den Handel mit Problemkrediten in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Nach Schätzung von Ulrich Wlecke, Deutschland-Geschäftsführer der Restrukturierungsberatung Alix Partners, wechselten 2006 rund 25 Milliarden Euro an sogenannten notleidenden Unternehmenskrediten den Eigentümer. Für das laufende Jahr erwartet er ein ähnliches Volumen. Unternehmen wie die Drogeriemarktkette „Ihr Platz", der Strumpfhersteller Kunert, der Windanlagenbauer Nordex, der Spielwarenhersteller Märklin oder die Sicherheitstransportfirma Heros bekamen so bereits neue Eigentümer. Seit vergangener Woche befindet sich auch der Automobilzulieferer Schaefenacker zu 70 Prozent im Besitz von Hedgefonds.

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