Übernahmen

Der Mittelstand erobert die Welt

Nicht nur Großkonzerne, auch familiengeführte Unternehmen wollen durch Zukäufe wachsen. Jeder zweite Mittelständler hat in den vergangenen zwölf Monaten ernsthaft eine Übernahme geprüft, zeigt eine exklusive Studie.
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Der Softwarespezialist kaufte gerade einen Konkurrenten. Quelle: Jürgen Lösel für Handelsblatt
Robotron-Zentrale in Dresden

Der Softwarespezialist kaufte gerade einen Konkurrenten.

(Foto: Jürgen Lösel für Handelsblatt)

DüsseldorfRoyal Dutch Shell bietet für die BG Group 64 Milliarden Euro, der weltgrößte Baustoffkonzern Holcim wirbt bei seinen Aktionären um Zustimmung für den Kauf des großen Wettbewerbers Lafarge, und der Logistikriese Fedex erwirbt für 4,4 Milliarden Euro den niederländischen Express-Dienstleister TNT. Und selbst in Deutschland, wo sich die Unternehmen lange Zeit zurückhielten, nimmt die Einkaufstour Fahrt auf: Der Darmstädter Pharmakonzern Merck kauft den amerikanischen Konkurrenten Sigmar Aldrich, und Siemens erwirbt den texanischen Ausrüster für die Öl- und Gasindustrie, Dresser-Rand.

Doch nicht nur milliardenschwere und börsennotierte Großkonzerne, auch kleinere Firmen greifen zu. Die Vorstellung, dass mittelständische Betriebe ihr Geld lieber beisammen halten anstatt in Wachstum zu investieren, ist eine Mär. Robotron, ein inhabergeführter Softwarespezialist in Dresden, hat gerade die Saskia-Informationssysteme in Chemnitz übernommen, die schwäbische Werkzeugmaschinen GmbH in Schramberg-Waldmössingen kaufte die Mehrheit an Bartsch – einem Spezialisten für automatisierte Fertigungsanlagen. Und die Hamburger Krahn Chemie hat sich die Mehrheit an der italienischen Pietro Carini, einem Großhändler von Spezialchemikalien, gesichert.

Das sind nur drei von knapp 300 beim internationalen Datenanbieter Bureau van Dijk (BvD) registrierte und damit bekannt gewordene Übernahmen im deutschen Mittelstand aus den vergangenen zwölf Monaten. Viele Fusionen gehen lautlos und regional eng begrenzt über die Bühne, ohne dass Finanzspezialisten wie BvD oder Bloomberg davon erfahren.

Vertraut man Befragungen bei Führungskräften in mittelgroßen, nicht börsennotierten Unternehmen, dann hat mehr als die Hälfte (57 Prozent) der deutschen mittelständischen Firmen in den vergangenen zwölf Monaten wenigstens eine Gelegenheit zur Übernahme ernsthaft geprüft. Im weltweiten Vergleich werden deutsche Firmen damit nur von den traditionell kauffreudigen US-Unternehmen übertroffen. Hier spielten 61 Prozent einen Zukauf durch. Das ermittelte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Warth & Klein Grant Thornton. Für die umfangreiche Studie, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, wurden über 5000 Unternehmen aus dem Mittelstand in 35 Ländern befragt. In Europa sind das Unternehmen mit 50 bis 500 Mitarbeitern, in den USA Firmen mit einem Jahresumsatz zwischen 20 Millionen und zwei Milliarden Dollar.

Die zehn größten Familienunternehmen Deutschlands
Die zehn umsatzstärksten Familienunternehmen
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In diesem Haus, Huestraße 89 in Essen-Schonnebeck, nahm einst die klassische Erfolgsgeschichte eines Familienunternehmens seinen Anfang: Hier hatte die Familie Albrecht einen Tante-Emma-Laden, den die Söhne Theo und Karl Albrecht übernahmen. Sie expandierten und gründeten schließlich die Kette Albrecht-Diskont, kurz: Aldi. Familienunternehmen gelten wahlweise als Wirbelsäule oder Herzstück der deutschen Wirtschaft, 95 Prozent der deutschen Unternehmen sind Familienunternehmen. Doch welche sind am erfolgreichsten? Das Institut für Familienunternehmer hat sich die Umsätze der Firmen angeschaut. Die zehn umsatzstärksten Unternehmen im Ranking.

Platz 10: Heraeus Holding
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Der Grundstein für die Heraeus Holding wurde 1851 in Hanau östlich von Frankfurt am Main gelegt. Dort hat die Holding auch mehr als 160 Jahre später noch ihren Firmensitz. Ihr geistiger Vater war Wilhelm Carl Heraeus, der in der seit 1660 im Familienbesitz befindlichen Einhorn-Apotheke eine einzigartige Methode zur Platinschmelze erfand, welche dem Unternehmen den Weg zum Erfolg ebnete. Heute ist die Holding ein weltweit operierender Technologiekonzern, 2013 mit einem Jahresumsatz von 17,4 Milliarden Euro, circa 13 Milliarden davon macht der Edelmetallhandelsumsatz aus.

Platz 9: Fresenius
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Auch das Medizintechnik- und Gesundheitsunternehmen Fresenius geht auf eine Apotheke zurück: auf die 1462 gegründete Hirsch-Apotheke, die im 18. Jahrhundert von der Familie Fresenius übernommen wurde. 1912 wurde aus der Apotheke ein Pharmazieunternehmen, das seinen Aufstieg vor allem dem erfolgreichen Vertrieb von Dialyse-Geräten und -Produkten in den 60er Jahren verdankte. 1996 wurde das mittlerweile weltweit größte Dialysegeschäft in das Tochterunternehmen Fresenius Medical Care (selbst Platz 20 im Ranking) ausgelagert. Die Fresenius SE & Co. KGaA weist einen Umsatz von 20,3 Milliarden Euro im Jahr 2013 aus.

Platz 8: Phoenix Pharmahandel
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Die Phoenix Gruppe, der größte Pharmahändler Europas, entstand in den 1990er Jahren. Der berühmte deutsche Unternehmer Adolf Merckle kaufte eine ganze Reihe regionaler Pharmagroßhändler und fasste sie 1994 zur von ihm gegründeten Phoenix Pharmahandel AG zusammen. 21,2 Milliarden Euro erwirtschaftete Phoenix 2013, derzeit versucht man das Geschäft in mehreren europäischen Ländern, beispielsweise in Frankreich und Großbritannien, weiter auszubauen.

Platz 7: Continental
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Deutschlands größter und Europas zweitgrößter Automobilzulieferer hat seinen Ursprung im Konkurs der „Neue Hannoversche Gummiwarenfabrik“, die – von Bankier Moritz Magnus 1869 gekauft und neu aufgestellt – die Basis für den einst reinen Reifenhersteller Continental bildete. In Hannover hat das Unternehmen noch heute seinen Sitz. Zahlreiche Innovationen wie der erste Luftreifen mit Profil ebneten dem Unternehmen, das zur Zeit des Nationalsozialismus auch von Zwangsarbeit profitierte, den Aufstieg. „Conti“ erwirtschaftete 2013 einen Umsatz von 33,3 Milliarden Euro.

Platz 6: Bosch
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Das 1886 von Robert Bosch gegründete Unternehmen entwickelte das erste serienmäßige Antiblockiersystem und war lange der größte Automobilelektronik-Zulieferer der Welt, verlor diese Position allerdings 2012. In automatisierter Verpackungstechnik ist das Unternehmen jedoch weiterhin Weltmarktführer. Mehr als 200.000 Mitarbeiter erwirtschafteten 2013 einen weltweiten Umsatz von 46,4 Milliarden Euro. Ein Tochterunternehmen von Bosch war die Dreilinden Maschinenbau GmbH, ein Rüstungsbetrieb in Kleinmanchow. Diese zeigte sich für den Arbeitseinsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen verantwortlich.

Platz 5: Aldi
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Sie teilten einst die Republik unter sich auf: Theo und Karl Abrecht, die Gründer von Albrecht-Diskont, kurz Aldi und damit Erfinder des Discounters in Europa. Die Brüder übernahmen 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg den elterlichen Tante-Emma-Laden in Essen und bauten den Betrieb rasch aus. Die Wandlung zum „Discounter“ geschah 1961 aus einer durch die Supermarktkonkurrenz bedingten Unternehmenskrise heraus und stellte sich als größte Innovation des Einzelhandels im 20. Jahrhundert dar. 1960 teilten die Gebrüder Albrecht das Unternehmen schließlich in Aldi Süd (Karl) und Aldi-Nord (Theo) auf. Zusammengenommen machten die Konzerne 2013 einen Umsatz von 62,2 Milliarden Euro. Das sind allerdings nur Schätzzahlen: Aldi ist für seine Verschwiegenheit bezüglich Geschäftszahlen bekannt.

Häufige Übernahmen im Maschinenbau
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