Überstunden sammeln auf Gleitzeitkonten
Zeitwertkonten: Jede Minute zählt

Bisher nutzen vor allem Großunternehmen Zeitwertkonten, während das Modell bei Mittelständlern wenig verbreitet ist. Doch das könnte sich demnächst ändern - mit Lösungen, die auf die Unternehmen individuell zugeschnitten sind.

FRANKFURT. Die Luftfahrt ist ein zyklisches Geschäft. Billigfluglinien locken immer mehr Passagiere, doch Ereignisse wie die Terroranschläge des 11. September oder der hohe Ölpreis bescheren unerwartete Einbrüche. Kein Wunder, dass in dieser Branche Flexibilität zählt. So, wie am Hamburger Flughafen. Deshalb hat dessen Betreibergesellschaft langfristige Zeitwertkonten eingeführt, auf denen die knapp 500 Beschäftigten Überstunden und Urlaub ansparen. Dafür können sie dann später eher in den Ruhestand gehen oder eine längere Auszeit (Sabbatical) nehmen.

Ganz neu ist das Sammeln von Überstunden für die Flughafen-Crew nicht: Schon seit langem haben sie Gleitzeitkonten. Die dort angesammelten Stunden müssen sie aber recht bald abfeiern. Die neu eingeführten Konten sind anders: Hier werden Überstunden, Resturlaub oder auch Teile des Einkommens langfristig angelegt - und zwar in Geld. "Eingebrachte Stunden werden also in Euro umgerechnet", erklärt Rüdiger Schlott, Personalmanager beim Flughafen. Das Kapital wird in Fonds investiert. "Es ist höchstwahrscheinlich, dass sich durch die Anlage des Geldes der gesparte Betrag erhöht - und somit auch die Stundenzahl", sagt Schlott. Das so angesparte Kapital können sich die Mitarbeiter am Ende ihres Arbeitslebens entweder auszahlen lassen. Häufiger lassen sich aber die Arbeiter das Angesparte wieder in Zeit umrechnen und verabschieden sich früher in den Ruhestand.

Daher könnte das Modell der Zeitwertkonten immer beliebter werden. Denn noch sind die Zeitwertkonten bei Mittelständlern wenig verbreitet. Das gesetzliche Renteneintrittsalter steigt, und die staatliche Förderung der Altersteilzeit läuft 2009 aus. "Mit dem Langzeitkonto haben wir für die Beschäftigten die Möglichkeit erhalten, früher als mit 67 in Rente zu gehen", sagt Schlott.

Bisher nutzen vor allem Großunternehmen Zeitwertkonten, ergab eine Umfrage der Unternehmensberatung Rauser Towers Perrin unter 100 Unternehmen. Während bereits mehr als 40 Prozent der Unternehmen mit mehr als 5 000 Mitarbeitern Zeitwertkonten nutzen, liegt die Quote bei den kleineren Unternehmen noch nicht einmal bei 25 Prozent.

Die Zurückhaltung der Mittelständler erklärt sich der Vorstandsvorsitzende von Rauser Towers Perrin, Reiner Schwinger, damit, dass bei Unternehmen mit wenig Mitarbeitern eine flexible Lebensarbeitszeit schlechter in den Betriebsprozess passt. "Es ist natürlich schwierig, wenn die halbe Belegschaft in Sabbatical geht", sagt Schwinger. Gerade wegen der Finanzierung von Vorruhestandsregelungen sieht Schwinger die Zeitwertkonten aber auf dem Vormarsch: "Das wird auch für Mittelständler ein Thema."

Gefragt sind Lösungen, die auf das Unternehmen individuell zugeschnitten sind. So können Betriebe ihren Ingenieuren auch nur Teilzeitregelungen anbieten anstatt eine komplette Freistellung. Schließlich sind erfahrene Ingenieure am Arbeitsmarkt äußerst rar. Rauser Towers Perrin hält Zeitwertkonten somit selbst in Kleinstunternehmen für möglich. "Es gibt keine Grenze nach unten", sagt Michael Karst, der Experte für Zeitwertkonten bei der Unternehmensberatung.

Etwas anders sieht man das bei der Schweizer Investmentbank Credit Suisse, die den Hamburger Flughafen betreut. Die komplexe Verwaltung und die Kosten für Berater-Honorare oder eine externe Verwaltung schrecke Mittelständler ab, heißt es bei dem Bankhaus. "Zeitwertkonten sind unseres Erachtens für Firmen mit mehr als 300, besser 500 Mitarbeitern geeignet", sagt der Leiter für Unternehmenskommunikation, Valentin Jakubow.

Zunehmend werden die Zeitwertkonten in Geldeinheiten, nicht in Zeiteinheiten geführt. "Für Geld spricht schon allein, dass heute meist mehr Einkommen als Überstunden in das Zeitwertkonto eingestellt wird", erklärt Karst. Weit verbreitet sind Geldanlagen, bei denen das Risiko mit zunehmendem Alter reduziert wird. Während zunächst viel Geld in Aktien investiert wird, wandern später immer mehr sichere Papiere ins Depot. Neben diesem sogenannten Lebenszyklusmodell haben die Mitarbeiter des Hamburger Flughafens noch eine zweite Option: Wer auf Nummer sicher gehen will, legt das Geld in einem geldmarktnahen Fonds an. Die Verzinsung ist dann aber nur etwa so hoch wie bei einem Termingeldkonto.

Besonders lukrativ werden Zeitwertkonten dadurch, dass die Beiträge aus dem Bruttogehalt steuerfrei auf das Konto fließen. Erst bei der Auszahlung werden Steuern und Sozialabgaben fällig. Weil der Arbeitnehmer in der Arbeitspause weniger verdient, fallen weniger Steuern an. Bis dahin erwirtschaftet das Geld Zinsen ohne Abzüge. Bei anderen Anlageformen wären Kapitalertragsteuern fällig.

Doch was passiert bei einem Jobwechsel? Kaum jemand bleibt heute noch ein Leben lang im selben Betrieb. Die Zeitwertmodelle der Unternehmen sind aber meist nicht kompatibel. Die Arbeitnehmer müssen dann ihr Zeitwertkonto auflösen. Die Steuervorteile sind futsch, und der Ruhestand rückt wieder in weite Ferne.

Zeitwertkonten

Ziel: Zeitwertkonten bringen Beschäftigten doppelten Nutzen: Sie ermöglichen flexiblere Arbeitszeiten und finanzieren den Vorruhestand. Auch Unternehmen profitieren: Sie können sich als moderne Arbeitgeber profilieren.

Bedeutung: Das gesetzliche Renteneintrittsalter steigt. Daher suchen Unternehmen nach Alternativen, um den Vorruhestand ihrer Mitarbeiter zu finanzieren.

Methode: Die Arbeitnehmer zahlen Überstunden, Resturlaub und Teile des Einkommens auf ein Konto ein. Wenn sich die Finanzanlage gut entwickelt, können sie später mehr Freizeit entnehmen als sie eingezahlt haben.

Sicherheit: Wichtig ist der Insolvenzschutz. Wenn ein Treuhänder das Wertkonto sichert, kann das angelegte Geld nur für die Freistellung der Mitarbeiter verwendet werden, selbst wenn das Unternehmen zahlungsunfähig wird. Nicht alle Unternehmen kommen ihrer Pflicht zur Insolvenzsicherung nach.

Gesetzliche Regelung: Die Bundesregierung plant, die Regelungen für Zeitwertkonten zu verschärfen. Damit die Banken das angelegte Geld nicht verzocken, soll der maximale Aktienanteil auf 20 Prozent begrenzt werden. Auch eine Garantie, dass zumindest der eingezahlte Betrag erhalten bleibt, wird diskutiert. Bisher wäre je nach Anlageform theoretisch auch ein Totalverlust denkbar.

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