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Umstellung auf IFRS: Mittelstand lehnt Bilanzregeln ab

Deutsche Familiengesellschaften verzichten auf die Umstellung auf die neuen Bilanzierungsregeln IFRS (International Financial Reporting Standards), weil sie damit Eigenkapital verlieren würden. Boehringer hat die Umstellung bereits gestoppt - eineinhalb Jahre Vorarbeiten waren umsonst.

Wirkstoffherstellung bei Boehringer Ingelheim in Biberach. Foto: AP
Wirkstoffherstellung bei Boehringer Ingelheim in Biberach. Foto: AP

FRANKFURT. Die Furcht, plötzlich ein negatives Eigenkapital ausweisen zu müssen, droht jedoch auch Unternehmen wie Haniel, Miele und Oetker. „Vor allem aus diesem Grund werden viele Unternehmen vorerst die Finger von den IFRS lassen“, unterstreicht Wirtschaftsprüfer Bernd Rödl von Rödl & Partner.

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Der Pharmahersteller Boehringer bleibt lieber beim alten HGB-Standard. Controllingchef Fritz Görgen begründet die Entscheidung: „Unser wichtigstes Ziel ist mit der derzeit gültigen Version der IFRS nicht zu erreichen: unseren Gesellschaftern einen Jahresabschluss vorzulegen, der mit denen der meisten Wettbewerber – fast durchweg Aktiengesellschaften – vergleichbar ist.“

Hindernis auf dem Weg zur Vergleichbarkeit ist die Vorschrift IAS 32, die die Abgrenzung von Eigen- und Fremdkapital regelt. Danach liegt Eigenkapital nur dann vor, wenn der einzelne Kapitalgeber keinen individuellen Anspruch auf Rückzahlung der von ihm investierten Mittel hat. Das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) warnt davor, dass sich das gesetzliche Kündigungsrecht der Gesellschafter in Deutschland grundsätzlich nicht ausschließen lässt.

Das heißt: Die Geschäftsanteile der Gesellschafter von OHG und KG, im bisherigen Verständnis klassisches Eigenkapital, werden zu Fremdkapital. Und je nachdem, wie die eventuelle Rückzahlung im Gesellschaftsvertrag geregelt ist, kann eine vorher stattliche Eigenkapitalquote mit der Umstellung auf IFRS bis ins Minus rutschen.

Bei Boehringer Ingelheim wäre, zu Buchwerten gerechnet, gut die Hälfte des bisherigen Eigenkapitals als Verbindlichkeit gegenüber den Gesellschaftern auszuweisen. Da gleichzeitig die Gewinnausschüttung an die Gesellschafter als Aufwand gälte, würde der Jahresüberschuss um gut 70 Prozent sinken.

Was in Ingelheim vorerst Theorie bleibt, ist für die Hamburger Otto-Gruppe schon harte Realität. Da der Konzern bereits nach IFRS bilanziert, kam er nicht umhin, im Abschluss 2004/05 die neu gefassten Regeln zu berücksichtigen. Der Effekt: Von den fast zwei Mrd. Euro Eigenkapital, die nach der früheren Version in der Bilanz erschienen wären, blieben noch 1,1 Milliarden – der Rest war als Darlehen der Gesellschafter, also als Fremdkapital zu verbuchen.

Damit kam Otto noch glimpflich davon. Denn: „Unsere Gesellschafterverträge enthalten eine Klausel, nach der die Gesellschafter bei einer Kündigung ihrer Einlagen Anspruch nur auf den jeweiligen Anteil an dem in der Bilanz ausgewiesenen Eigenkapital haben“, erläutert Ludwig Richter, Direktor Konzernrechnungswesen.

Wo eine solche Buchwertklausel fehlt, müssen die Firmen den Rückzahlungsanspruch nach dem aktuellen Unternehmenswert bemessen. Dabei fallen nicht nur hohe Kosten der Bewertung an. Ein hoher Unternehmenswert kann auch dazu führen, dass das Eigenkapital zeitweise völlig aus der Bilanz verschwindet. Denn nach IFRS ist nur das Fremdkapital, nicht aber das Eigenkapital alljährlich zum aktuellen Zeitwert („fair value“) zu bewerten.

Boehringer und Otto sind keine Einzelfälle. Der Saarbrücker Bilanzprofessor Karlheinz Küting sieht etliche große Familiengesellschaften wie Bertelsmann, Freudenberg, Haniel, Miele oder Oetker als potenzielle IFRS-Opfer. Auch ohne Börsennotierung gelten sie als „kapitalmarktorientiert“ und IFRS-pflichtig, wenn sie den Kapitalmarkt mit Finanzierungsinstrumenten wie Anleihen nutzen.

Einige dieser Unternehmen haben bereits eine gemeinsame Stellungnahme an das Wirtschaftsprüfer-Institut abgefasst. Das IDW ist unterdessen „auf allen Schienen aktiv“, heißt es dort. Anscheinend mit Erfolg: Der Entwurf eines korrigierten IAS 32 ist laut IDW bereits beim Londoner International Accounting Standards Board (IASB), das die IFRS herausgibt, in Arbeit. Eine Lösung sei allerdings frühestens im zweiten Halbjahr 2006 zu erwarten.

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