Unternehmen
Viele entsagen dem billigen Geld

Aktien und Kapitalerhöhungen bringen viele Milliarden Euro - und trotzdem scheuen viele Unternehmer den Gang an die Börse. Dadurch entgeht ihnen billiges Geld.
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DüsseldorfVier neue Wachstumsfelder hat der neue Bertelsmann-Chef Thomas Rabe seinen 500 Führungskräften in Gütersloh aufgezeigt. Der Medienriese will sein Kerngeschäft digitalisieren, ins Bildungsgeschäft investieren, als Dienstleister vom Outsourcing profitieren und schließlich auch in die boomenden Schwellenländer Indien, China und Brasilien vordringen. Dort wächst die Wirtschaft am stärksten. Geht Rabe seine favorisierten Projekte alle gleichzeitig an, dann braucht er dafür viel Geld - weit mehr als den Jahresnettogewinn von 612 Millionen Euro, den Bertelsmann zuletzt erwirtschaftet hat. Ein Börsengang mit der Ausgabe neuer Aktien wäre der einfachste Weg, um beinahe kostenlos an das viele Kapital für die Wunschinvestitionen zu kommen.

Auf diese Weise hat sich beispielsweise die Suchmaschine Google 1,7 Milliarden Dollar besorgt - und anschließend investiert. Google ist heute unangefochtener Weltmarktführer bei Suchmaschinen. Und auch nach einem Börsengang nutzen viele Unternehmen die Möglichkeit, sich bei ihren Anlegern erneut kostenlos Kapital zu besorgen. So sammelte der Gasehersteller Linde im Juli 1,4 Milliarden Euro ein, um die Übernahme des Sauerstoffgerätespezialisten Lincare zu finanzieren. Durch gezielte Übernahmen in Zukunftsmärkten schafft es Vorstandschef Wolfgang Reitzle seit Jahren, aus dem einst verschlafenen Industriekonglomerat einen schlagkräftigen und vor allem renditestarken Spezialisten zu formen, der Jahr für Jahr von Rekordgewinn zu Rekordgewinn eilt.

Und selbst in schwierigen Umbruchzeiten bietet die Börse das in solchen Phasen besonders notwendige billige Kapital: RWE besorgte sich 1,5 Milliarden Euro, um nach den Verlusten infolge der abrupten Energiewende der Bundesregierung weg von der Atomkraft mehr finanziellen Spielraum bei der Energiewende zu bekommen. Doch auf diese einfache, rasche und billigste Form der Finanzierung können nur börsennotierte Unternehmen zurückgreifen. Wer die Börse meidet, muss auf Anleihen oder Kredite bei den Banken setzen. Beide Arten der Finanzierung sind für Familienunternehmen teurer als für die großen Börsenkonzerne.

Der Grund: Anleger verlangen höchstmögliche Transparenz von ihren Schuldnern - und diese bieten nun mal am besten die börsennotierten Unternehmen mit ihren umfassenden Quartals-, Halbjahres- und Jahresberichten.

Jüngst gelang es Siemens, sich durch die Herausgabe neuer Anleihen bei Investoren 2,7 Milliarden Euro zu leihen. Für seine teuerste Anleihe mit einer Laufzeit von acht Jahren muss Siemens jährlich lediglich 1,5 Prozent Zinsen zahlen. Zum Vergleich: Bertelsmann muss für seine Anleihen mehr als doppelt so viel Zinsen zahlen. Und bei den Kreditinstituten gibt es das Geld auch nicht billiger. Wer sich aktuell bei den Banken Geld für fünf bis zehn Jahre leiht, zahlt dafür im Durchschnitt 3,1 Prozent Zinsen, wie aus den Statistiken der Deutschen Bundesbank hervorgeht. Daran gemessen, spart Siemens mit seiner achtjährigen Anleihe Jahr für Jahr 43,2 Millionen Euro ein.

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Börsengänge manchmal notwendig

Kommentare zu " Unternehmen: Viele entsagen dem billigen Geld"

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  • Welcher Praktikant hat diesen Artikel geschrieben? Siemens und Bertelsmann besitzen beide ein Rating von den bekannten Ratingagenturen und somit eine ähnliche Transparenz. Der Renditeunterschied ist doch ganz einfach durch das schlechtere Rating erklärbar.

  • Das hatten wir bereits in 2001: Wenn ein Unternehmen besondere Streichhölzer produzieren konnte, ging es an die Börse. Es gibt kein "billiges" Geld, wie wir bereits einige Male erlebt haben. Das sollten alle endlich einmal verstanden haben. Es ist ein Irrglaube, dass man Werte in Geld "konservieren kann, während die zufließende Menge seinen Gesamtwert negativ beeinflußt.

  • Billiges Geld kann eine Falle sein. Wer Geld nimmt macht sich ahängig, egal ob es vom Aktionär oder von der Bank ist.
    Billiges Geld ist die Hauptursache der Eurokrise.
    Privatpersonen, Firmen und ganze Volkswirtschaften haben dadurch auf Wachstum gesetzt der in einer Blase endete, zeitverschoben wird das auch bei uns passieren.
    Deshalb verstehe ich gut, weshalb weitsichtige Firmen nicht unnötig in dieses Risiko einsteigen. Zudem ist der Ausblick schon wesentlich düsterer geworden trotz aller Parolen der Regierenden.

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