Unternehmensberatung
Kommunikationsbranche: Traumjob statt Alptraumjob

Je cooler das Unternehmen, desto schlechter die Arbeitsbedingungen. Was in den meisten Unternehmen unter dem Stichwort Employer Branding längst selbstverständlich ist, ist für die vermeintlich glamouröse Kommunikationsbranche ein Fremdwort. Mareike Boddin will das ändern - mit einer Unternehmensberatung.

Der schöne Schein täuscht manchmal über das Sein hinweg. Judith Feldmann weiß das zu genau. Die 26-Jährige hatte nach dem Studium bei einer Werbeagentur angeheuert. Schicke Büros, lockere Leute und Latte Macchiato ohne Ende. "Die ersten Wochen waren wie auf Wolke sieben", erinnert sie sich. Aber je länger sie Kampagnen entwarf und in sinnfreien Meetings das ziellose Gelaber manches Kollegen erdulden musste, desto höher schien ihr der Preis für den Arbeitsplatz. Zudem in der Woche mindestens 80 Stunden zusammenkamen. Zu viel für die 2 200 Euro im Monat.

Mareike Boddin kennt zahllose solcher Geschichten. Die 36-jährige Hamburgerin war lange in der Kommunikationsbranche, zuletzt als Personalchefin bei einer Werbeagentur. Was sie in der Branche erlebt hat, hat ihr nicht gefallen. Vor allem, weil die schlechten Arbeitsbedingungen das coole Image, welches der Branche anhaftet, unterlaufen. Vielen Kommunikationsunternehmen fehlen die Talente, weil die längst dorthin ziehen, wo man besser zahlt und den Begriff Work-Life-Balance ernst nimmt. Boddin hat darin einen Markt erkannt und ihre eigene Unternehmensberatung gegründet. Sie will der Branche helfen, ihr ramponiertes Image unter Bewerbern wieder aufzupolieren.

Das ist auch nötig. Was in den meisten Unternehmen unter dem Stichwort Employer Branding längst selbstverständlich ist, ist für die vermeintlich glamouröse Kommunikationsbranche - Werbeagenturen, Verlage, Internet-Start-ups - ein Fremdwort. "Die reden gerne von Mitarbeitern als wertvollstes Gut", beobachtet die Berliner Kommunikationsexpertin Ingeborg Trampe, ehemals Vorstandsmitglied der größten deutschen Werbeagentur BBDO. "Leider ist das bei den meisten nur eine leere Worthülse." Häufig gibt es nicht mal genaue Jobprofile, geschweige denn Karrierepläne. Auch Ralf Zilligen, Chairman bei Mediaedge CIA beobachtet: "Kreative Organisationen müssen ihre Berufsbilder, dann ihre Einstellung, dann ihre internen Prozesse und dann ihre Karrierepläne ändern. Dann werden sie auch wieder für Querdenker interessant." Stattdessen haben sich die Kommunikationsprofis lange Jahre darauf verlassen, dass sich genug junge Bewerber für die potenziellen Traumjobs interessieren und idealistisch genug sind, sich ausbeuten zu lassen.

Mit verheerenden Folgen: "Die schaffen es immer seltener, die hochkarätigen Leute zu bekommen, die sie bräuchten, um voranzukommen", beobachtet Unternehmensgründerin Boddin. Die machen sich nämlich, wenn sie sich nicht gleich von besser zahlenden Marketingabteilungen in Unternehmen abwerben lassen, selbstständig.

An dieser Stelle will Boddin ansetzen. "Vor allem müsste besser kommuniziert werden", sagt sie. Was ausgerechnet auf die Kommunikationsbranche bezogen wie ein Witz klingt, ist bittere Realität. Chefs, die sich nicht an Absprachen halten, Teamleiter, die Konferenzen mit Selbstdarstellungsbühnen verwechseln, Personaler, die sich nicht die Bohne für Bewerber interessieren - all das erlebt fast jeder, der sich in der Branche bewirbt.

Dicke Bretter, die Boddin da bohrt. "Vielen Verantwortlichen fehlt die Selbstreflexion, das als Problem zu erkennen", sagt Boddin nach den ersten Monaten mit ihrem neuen Unternehmen. Dennoch hat sie erste Kunden von ihrem Konzept überzeugen können. Auch wenn die Front eher langsam bröckelt. "Das Interesse nimmt zu", versichert Boddin. "In den letzten Wochen merke ich, dass immer mehr Kommunikationsunternehmen die Notwendigkeit einsehen." Die Hanseatin ist zuversichtlich, dass das Konzept aufgeht. Schließlich ist es nicht ihre erste Unternehmensgründung.

Seit die 36-Jährige ihren alten Arbeitgeber im Jahr 2002 verlassen hat, arbeitet sie als Selbstständige. Mit ihrer Personalberatung Festundfrei vermittelte sie Mitarbeiter in die Kommunikationsbranche, und hatte nach sechs Jahren fast alle namhaften deutschen Anbieter auf ihrer Kundenliste. "Mein Bauch hat mir gesagt, dass ich mal etwas anderes machen und einen Schritt weiter gehen muss", erzählt sie. Eine große Werbeagentur lockte zwar auch mit einem Angebot. "Aber in eine Festanstellung möchte ich nicht unbedingt zurück", sagt Boddin. "Ich zähle eher zu den selbstständigen Damen." Zudem sie sich da nicht mit schlechten Arbeitsbedingungen herumschlagen muss.

Sven Prange
Sven Prange
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