Unternehmensfinanzierung
Mittelständler setzen verstärkt auf Schuldscheine

Der Schuldschein hat sich als Finanzierungsalternative fest etabliert. Unternehmen reduzieren so ihre Abhängigkeit vom klassischen Bankkredit. Der Reiz der Finanzierungsmethode besteht vor allem in seiner Einfachheit.
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FrankfurtZum Höhepunkt der Finanzkrise war der Schuldschein für viele Mittelständler der letzte Strohhalm, um an frisches Geld zu kommen. Doch auch fünf Jahre nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers erfreut sich das Instrument zur Unternehmensfinanzierung weiter großer Beliebtheit. Der „Nischenmarkt“ Schuldschein habe sich in den vergangenen Jahren als feste Alternative zur klassischen Kreditfinanzierung oder zum Anleihemarkt etabliert, konstatieren die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in einer Studie. Mit mehr als 70 Milliarden Euro hat sich das Marktvolumen der privat platzierten Darlehen, die im Gegensatz zu Bonds nicht an der Börse gehandelt werden, seit 2003 bislang mehr als verdreifacht.

Interessant mache den Schuldschein für Unternehmen, dass es sich dabei um eine relativ einfache Finanzierungsmethode handle, sagt Hans-Werner Grunow von der Stuttgarter Beratungsgesellschaft Capmarcon. „Man benötigt keinen Börsenprospekt, muss in der Regel weniger auf Roadshow gehen und kann das ganze Prozedere meist innerhalb von zwei bis drei Monaten abschließen.“ Zum Investorenkreis gehören – ähnlich wie bei Bonds – Banken und institutionelle Anleger wie Versicherungen oder Pensionskassen. Mit exorbitanten Renditen können Schuldscheine, die zum Großteil von Unternehmen guter Bonität (Investment Grade) begeben werden, zwar nicht aufwarten. Doch sie liegen im Schnitt immerhin noch höher als bei Bundesanleihen vergleichbarer Laufzeiten. Da das Mindestvolumen der Darlehen (15 Millionen Euro) relativ klein ist, sind vor allem Mittelständler in diesem Markt unterwegs.

Zu einer regelrechten Emissionsflut kam es vor allem in den Jahren 2008 und 2009. „Als viele Banken in der Finanzkrise den Geldhahn zudrehten, haben Mittelständler, aber auch Dax -Konzerne damit begonnen, ihre Abhängigkeit von Bankkrediten zu reduzieren,“ erklärt LBBW-Expertin Bettina Deuscher. Selbst Großkonzerne wie BMW, Siemens oder die Deutsche Telekom entdeckten den Schuldscheinmarkt damals für sich. Insgesamt sammelten Unternehmen 2008 und 2009 laut einer LBBW-Statistik rund 40 Milliarden Euro über Schuldscheine ein.

Seitdem ist das Emissionsvolumen zwar wieder spürbar zurückgegangen, doch attraktiv bleiben Schuldscheine nach Ansicht von Grunow dennoch. Für 2013 erwartet der Finanzierungsberater Emissionen von acht bis neun Milliarden Euro nach rund zwölf Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Dass das Volumen schrumpft, liegt Grunow zufolge vor allem an dem inzwischen geringeren Kapitalbedarf vieler Firmen. „Sie haben sich seit 2011 stark mit Liquidität eingedeckt und benötigen jetzt einfach nicht mehr so viel.“ Einige Firmen seien zudem auf den Anleihemarkt ausgewichen. Mit einer kompletten Abkehr vom Schuldschein- hin zum Bondmarkt rechnet er allerdings nicht, weil Anleihen in der Regel teurer als Schuldscheine seien. „Einige Konzerne müssen nur einfach ab und zu mal an den Kapitalmarkt, um Flagge zu zeigen.“

Für die anhaltende Attraktivität von Schuldscheinen spricht laut einer LBBW-Studie auch, dass gerade mittelständische Firmen den im Vergleich zur Bondplatzierung geringeren Dokumentationsaufwand und die weniger rigorosen Publizitätspflichten zu schätzen wissen. Sensible Informationen müssten die Unternehmen so nur ihren Gläubigern mitteilen. Auch die Berichtspflicht gilt lediglich gegenüber den Darlehensgebern. Mit Schuldscheinen könnten Firmen letztlich den Zugang zum Kapitalmarkt mit der Diskretion des Kreditgeschäfts verbinden – die Handhabung sei damit wesentlich flexibler, schreiben die Experten.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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