Unternehmensnachfolge
Familienunternehmer zweifeln am Nachwuchs

Eine Studie zeigt: Etablierten Firmenlenkern fällt es schwer, die Stärken der Jungen anzuerkennen. Die Seniorchefs pochen auf alte Werte und unterschätzen dabei die Fähigkeiten der Kinder.

DÜSSELDORF. „Die erste Generation verdient das Geld, die zweite verwaltet das Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt vollends“, spottete einst Otto von Bismarck. Ähnlich besorgt sind heute viele Familienunternehmer, bei denen eine Stabübergabe ansteht.

Viele von ihnen zweifeln an den unternehmerischen Fähigkeiten der jungen Generation. Der fehlten typische Unternehmertugenden, wie 63 Prozent der Familienunternehmer glauben. Dies belegt eine aktuelle Studie der Commerzbank im Rahmen ihrer Initiative „Unternehmerperspektiven“. Befragt wurden 4 000 Unternehmer, auch solche, bei denen in den nächsten zehn Jahren ein Wechsel an der Spitze ansteht.

Welche Tugenden finden Mittelständler besonders wichtig? Die Studie zeigt, dass traditionelle Werte wie Verlässlichkeit, Kompetenz und Leistungsbereitschaft sowie Weitsicht und Fairness an erster Stelle stehen. Moderne Werte wie Kreativität oder Veränderungs- und Risikobereitschaft rangieren dagegen eher im Abseits.

Taugt der Nachwuchs also nicht zum Unternehmer? Doch, denn die Ergebnisse spiegeln nur die Werte der heute etablierten Unternehmergeneration wider. Und jene verkennt oft die Qualitäten ihrer Kinder. Aber auch die jüngere Generation mit ihren neuen Werten kann fähige Chefs hervorbringen.

„Es fällt Firmenlenkern oft schwer, Stärken der Jungen anzuerkennen“, sagt Ernst Heilgenthal, Partner der Personalberatung Gemini Executive Search. Der Psychologe berichtet von einem Maschinenbauer, der die Geschäftsführung an seinen Sohn übergeben wollte. Der Gründer war ein Technikfreak und hatte das Unternehmen nach dem Krieg aus dem Boden gestampft. Klar, dass der Sohn nach Vorstellung des Vaters Ingenieur werden sollte, um den Betrieb zu übernehmen.

Doch dessen Studium lief schlecht, in der Familie kriselte es, und Heilgenthal wurde als Berater engagiert. Der stellte fest: Technik war keine Stärke des Juniors. Vielmehr war er ein Sprachtalent und hatte die Gabe, sich auf fremde Kulturen einzustellen. Der Berater machte dem Senior klar, dass auch diese Stärken zur Unternehmensführung befähigen. Der Filius durfte sein Ingenieurstudium abbrechen und stattdessen im Ausland Wirtschaft studieren. Später übernahm er die Geschäftsführung des Familienbetriebs – und bekam für technische Fragen einen Ingenieur zur Seite gestellt.

Für das Management ist es nur von Vorteil, dass die Jungen anders ticken. Denn auch Unternehmen durchlaufen unterschiedliche Lebenszyklusphasen. Während etwa die Unternehmer der Nachkriegszeit mit knappen Ressourcen steigende Nachfrage bedienten, mussten deren Nachfolger in gesättigten Märkten um Kunden kämpfen. „Je nachdem, in welcher Phase sich eine Firma befindet, sind unterschiedliche Manager-Typen gefragt“, urteilt Sabine Klein, Expertin für Familienunternehmen an der European Business School in Wiesbaden. „Unternehmensgründer zeichnen sich oft durch Charisma und Autorität aus“, erläutert Klein. „Sie können aber auch zur Selbstüberschätzung neigen und haben manchmal eine Ellenbogenmentalität.“ In der Reifephase eines Unternehmens seien dagegen ganz andere Charaktereigenschaften gefragt. Hier können die Jungen punkten, wenn sie eine fundierte kaufmännische Ausbildung haben oder mehr auf Vermittlung statt auf Durchboxen von Ideen setzen.

Auch die Brauerei Maisel in Bayreuth wandelte sich im Laufe der Zeit. Die oberfränkische Weißbierbrauerei ist seit vier Generationen im Besitz der Gründerfamilie. Der heutige Chef, Jeff Maisel, übernahm den Betrieb vor etwa zehn Jahren. Damals war er erst Ende Zwanzig. Maisel hat das Biergeschäft neu interpretiert: Während für seinen Vater und Großvater noch die Brautechnik im Vordergrund stand, sieht er sich in erster Linie als Unternehmer.

Trotzdem hat auch der junge Maisel wie in der Familie üblich eine Ausbildung zum Brauingenieur absolviert. Umdenken heißt für den Familienunternehmer nicht, mit jeglicher Tradition zu brechen. Aber heute reicht es nicht aus, gutes Bier zu brauen. Man muss es vor allem erfolgreich vermarkten. Ohne diese Erkenntnis wäre es für die Brauerei schwierig geworden, im schrumpfenden Biermarkt zu überleben.

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