Unternehmensporträt
Matjesfilets und Schmerzmittel

Mit einem Gespür für Nischen hat ein Westdeutscher in Ostdeutschland ein skurriles Firmenimperium aufgebaut. Das Pharmaunternehmen Riemser ist nur das Kerngeschäft, dazu kommen eine Wurstfabrik, ein Textilkaufhaus und eine Fischverarbeitung. Unter anderem. Der Unternehmer Norbert Braun herrscht über ein riesiges Reich an unterschiedlichen Produkten.

GREIFSWALD. Unternehmer wie dieser beherrschen ganze Landstriche. Reinhold Würth etwa, der mit seinem Schrauben-Imperium die baden-württembergische Kleinstadt Künzelsau dominiert. Oder Trigema-Chef Wolfgang Grupp, König von Burladingen, der persönlich im Werbefernsehen für seine T-Shirts made in Germany wirbt. Und dann gibt es noch Norbert Braun, einen zugezogenen Westdeutschen, der in und um Greifswald von sich reden macht – dessen Namen im Rest der Republik aber niemand kennt.

Dabei kommen täglich Tausende mit Brauns Produkten in Berührung: Er ist einer der größten Lieferanten von Herings- und Matjesfilets in Deutschland – die Fische stammen aus der Ostsee, in Tomatensauce liefert er sie unter der Marke „Rügen Feinkost“ an Ketten wie Edeka, Lidl oder Aldi. In Greifswald gehören Braun die Wurstfabrik Greifen-Fleisch und das Textilkaufhaus Jeske sowie im Nachbarort Gristow das Hotel Waldeslust. Außerdem produziert Brauns Firma Metall- und Anlagenbau Nord GmbH etwa Preistafeln für Tankstellen oder Metallteile für Schienenfahrzeuge. Doch dies sind allenfalls Nebengeschäfte unter dem Dach der Braun Beteiligungs GmbH.

90 Prozent seiner Zeit investiert der rührige Unternehmer in sein Pharmaunternehmen, die Riemser Arzneimittel AG. Der Firmensitz liegt, nur wenige Schritte von der Ostsee entfernt, auf der Halbinsel Riems. Das Angebot ist auch hier sehr gemischt – es reicht von der Creme gegen Altersflecken über Euterpflegemittel bis zu Schmerzmedikamenten für Krebspatienten, insgesamt 400 verschiedene Produkte.

Predigen Unternehmensberater seit Jahr und Tag die Konzentration aufs Kerngeschäft, ignoriert der Mittelständler aus Greifswald alle Lehrsätze und ist mit seinem Sammelsurium auch noch erfolgreich: Seine Arzneimittel aller Art erwirtschaften eine Umsatzrendite von 29 Prozent – 21,4 Millionen Euro Gewinn (vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) bei einem Umsatz von 73 Millionen Euro. Mit seiner Rendite muss Braun keinen Vergleich mit Branchengrößen wie Bayer oder Boehringer Ingelheim scheuen, die mit ihren Pillen etwa zehn Milliarden Euro pro Jahr erwirtschaften. Im Jahr 2008 sollen bei Riemser Umsatz und Gewinn weiter wachsen. Und auch seine übrigen Beteiligungen seien profitabel, sagt Braun: Sie erreichen im Schnitt eine Umsatzrendite von zehn Prozent.

Auch wenn er alles anders und vieles zugleich macht – Braun, 58 Jahre alt, Stoppelhaare, roter Pullunder über dem weißen Hemd, bequeme Jeanshose, zeigt, dass sich in Nischen gut Geld verdienen lässt – wenn es denn die richtigen sind. Der gelernte Betriebswirt Braun hat offenbar ein Gespür fürs Geschäft, er nutzt Kaufgelegenheiten und setzt dann schnell seine Ideen um, loben Geschäftspartner. Das Konzept überzeugte offenbar auch die Münchner Wagniskapitalgeber TVM Capital, die sich im März mit 12,5 Prozent an Riemser beteiligten und nun darauf zielen, geordnete Strukturen zu schaffen. Braun selbst hält die Tugenden des Mittelständlers hoch: „Schnelle Entscheidungswege und hohe Flexibilität.“

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