Unternehmer beklagen bürokratische Hürden
Die Konjunktur in Russland kühlt deutlich ab

Die Versuche der russischen Regierung, die Wirtschaft stärker an die Kandare zu nehmen, hat die Perspektiven des Landes gedämpft.

HB MOSKAU. „Russland ist dabei, wegen des Kampfes um die politische Vorherrschaft über strategische Branchen und attraktive Unternehmen eine einmalige und gewaltige Chance zu verspielen“ , sagt ein deutscher Bankvertreter in Moskau. Dabei drohe das Potenzial, das anhaltendes Wachstum und hohe Rohstoffpreise böte, brach liegen zu bleiben.

Igor Nikolajew von der Moskauer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft FBK schätzt, dass der Streit mit dem Ölkonzern Yukos mit „mindestens 20 Mrd. Dollar“ zu Buche schlägt. So sei die Kapitalflucht von 1,9 Mrd. Dollar in 2003 auf 7,9 Mrd. Dollar im vergangenen Jahr in die Höhe geschnellt – obwohl das Finanzministerium eigentlich zum ersten Mal mit Nettokapitalzuflüssen gerechnet hatte.

Erstmals sind auch die ausländischen Direktinvestitionen zurückgegangen – um zwölf Prozent auf 6,6 Mrd. Dollar. Darüber hinaus hätten die ehrgeizigen Pläne, die Marktkapitalisierung der börsennotierten Unternehmen zu erhöhen, beerdigt werden müssen, sagt Nikolajew. Das Schlimmste sei aber, dass die vom ihm für möglich gehaltene Steigerung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um neun Prozent in 2004 deutlich verfehlt wurde. Tatsächlich wurden 6,8 Prozent erreicht.

Für dieses Jahr rechnet das Wirtschaftsministerium sogar nur noch mit einem Plus von 5,8 Prozent. Doch angesichts eines BIP-Wachstums von nur 4,4 Prozent im Januar und Februar sehen Ökonomen selbst diese moderate Prognose skeptisch. Vize-Wirtschaftsminister Andrej Scharanow warnte bereits, dass die Wirtschaft nur um vier Prozent wachsen werde, wenn der Druck auf die Unternehmer nicht nachlasse.

Einschneidende Wirtschaftsreformen – vor allem im Gas-, Strom- und Bankensektor – seien dringend notwendig, um den stark abbremsenden Zug der russischen Konjunktur zu neuer Fahrt anzutreiben, meint der Chef der Osteuropabank EBRD, Jean Lemierre: „2005 muss zum Schlüsseljahr werden, um verloren gegangenes Vertrauen der Investoren zurückzuerlangen.“

Vor allem die bisherige Konjunkturlokomotive – der Ölsektor – ist deutlich erlahmt: Zwar ist es den Ölkonzernen, die mit 60 bis 65 Mrd. Dollar Steuern 22,8 Prozent der gesamten Staatseinnahmen beitragen, 2004 gelungen, mit 460 Mill. Tonnen Rohölförderung erstmals wieder das Niveau der Sowjetunion zu erreichen. Angesichts der stark gestiegenen Steuerlast haben sie allerdings ihre Investitionen verringert, so dass die Förderung weniger stark zunimmt als in früheren Jahren. Für das laufende Jahr rechnet die Internationale Energie Agentur nur mit einem Produktionsanstieg von 3,8 Prozent. Das wäre weniger als die Hälfte des Durchschnitts der letzten fünf Jahre und die niedrigste Zuwachsrate seit 1999, als die Branche unter einem Preiseinbruch litt.

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