Verhandlungspraxis
Schlitzohren kommen in Chile weiter

Geschäfte machen in Chile ist für Deutsche gar nicht so schwer, sind die Chilenen doch mit ihrer Mentalität nahe an der unsrigen. Ob ihres Fleißes gelten sie gar als „Preußen Südamerikas“. Die Gesellschaft des Landes ist jedoch formaler, klassenbewusster und patriotischer als die heimische. Auf was der Deutsche achten muss, will er zum Vertragsabschluss gelangen.

Hintergrund

Chiles Gesellschaft wurde von der Kultur des Abendlandes geprägt - zunächst durch die spanische Kolonialherrschaft, in jüngster Zeit durch den nordamerikanischen Einfluss. Dem deutschen Geschäftsmann erscheint das Land damit vertraut, es erwartet ihn kein Kulturschock wie in Asien oder Afrika. Einige Eigenheiten gilt es trotzdem zu beachten.

Merkmal Chiles ist seine Abgeschiedenheit. Das lange Land zwischen Pazifik und Andenkordillere war nie Zentrum einer bedeutenden Macht. Von Peru aus beherrschten die Inka eine Zeit lang den Norden. Die Spanier konnten später im Süden die kriegerischen Mapuche nie unterwerfen und errichteten lediglich einige Vorposten. Nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes siedelten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts viele Deutsche an, deren Nachfahren relativ großen Einfluss in der Wirtschaft haben. Andere Einwanderergruppen trugen dazu bei, dass heute über neun Zehntel der Bevölkerung Mestizen eher südeuropäischen Typs sind. Von der Kultur der Mapuche ist nicht viel übrig geblieben. Eine indianische Herkunft gilt immer noch als Makel und blond als Schönheitsideal.

Große Salpeterminen und später das Kupfer verschafften dem Land - beziehungsweise einer kleinen Schicht - ab dem späten 19. Jahrhundert zeitweise relativen Wohlstand. Der ab 1970 regierende sozialistische Präsident Salvador Allende verstaatlichte den Kupferbergbau. Die entschädigungslose Enteignung von Grundbesitzern, Industrieunternehmen und Banken trug zu einer tiefen Spaltung der Gesellschaft bei, die im Putsch von 1973 gipfelte. Die Militärs unter Augusto Pinochet hießen ausländische Investoren willkommen und bauten Zölle ab. Der Aufschwung folgte den wirtschaftsliberalen Reformen jedoch erst spät und hatte hohe soziale Kosten.

Seit dem friedlichen Übergang zur Demokratie 1989 baute das Land nach und nach die autoritären Züge in Verfassung, Politik und Gesellschaft ab. Pinochet starb Ende 2006, doch die Spaltung der Gesellschaft in Anhänger und Gegner ist quer durch alle Schichten hindurch verankert. In der Wirtschaft hielten alle gewählten Regierungen an der marktliberalen Ausrichtung fest. Ihre Stabilität verdankt die seit 1990 regierende Mitte-Links-Koalition auch der Entwicklung Chiles zum wirtschaftlichen Musterknaben Lateinamerikas. Das Land betreibt fast mit der ganzen Welt Freihandel, die Staatsfinanzen sind solide, die Inflation ist gering. Die Armutsrate hat sich drastisch auf etwa 15% verringert, und vom kräftigen Aufschwung der letzten Jahre haben - bei nach wie vor großen Einkommensunterschieden - alle Schichten profitiert. Der Höhenflug der Kupferpreise brachte in den letzten Jahren viel Reichtum, verstärkte aber auch die Abhängigkeit vom roten Metall.

Chile ist immer noch ein junges Land, nähert sich bei abnehmender Geburtenrate jedoch europäischen Verhältnissen an. Drei Viertel aller Chilenen bezeichnen sich als katholisch, was nicht mit "praktizierend" zu verwechseln ist. Dennoch haben Kirche und Opus Dei in den oberen Bevölkerungsschichten viel Einfluss. Er zeigt sich in moralischen Kreuzzügen gegen Verhütungsmittel, Abtreibung und Ehescheidung, die erst seit 2004 rechtlich erlaubt ist. Ein Novum in Lateinamerika war 2006 die Wahl einer Frau ins Präsidentenamt. Michelle Bachelets Ziel der paritätischen Besetzung von Regierungsposten schafft in Chile trotz Sexismus in Werbung und Medien ein frauenfreundlicheres Klima als etwa in Mexiko oder den Andenländern.

Viele Chilenen sind nach der langen Militärdiktatur immer noch geprägt von Vorsicht und ausgeprägtem Hierarchiedenken. Andererseits gelten die "Preußen Südamerikas" als fleißig; Korruption und Schlendrian halten sich in Grenzen. Einigend wirkt ein ausgeprägter Nationalstolz. Er ist nach Ansicht von Landeskennern gepaart mit zwei Extremen, die den Kult um die wenigen chilenischen Stars in Literatur, Kunst oder Sport erklären: Hier ein Minderwertigkeitsgefühl, geboren aus der Armut, Abgeschiedenheit und traditionellen Bedeutungslosigkeit des "Landes am Ende der Welt", dort der Stolz auf die wirtschaftlichen Erfolge der letzten Jahre und das, was Chilenen trotz der widrigen Bedingungen erreicht haben.

Seite 1:

Schlitzohren kommen in Chile weiter

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Seite 6:

Seite 7:

Seite 8:

Seite 9:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%