Versicherung
Richtig versorgt bei Arbeitsunfällen

Ein Arbeitsunfall kann das ganze Leben verändern. Die gesetzliche Unfallversicherung hilft bei Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten. Wir zeigen Ihnen, was diese Assekuranz leistet, was nicht - und wo es die Alternative der freiwilligen Absicherung gibt.

Karl Degenhardt war Zeuge eines Arbeitsunfalls mit fünf Toten und mehreren Schwer- und Leichtverletzten. Ihn als Leiter der Baustelle traf keine Schuld – er hatte alle erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen angeordnet und kontrolliert – doch die schrecklichen Bilder lassen ihn nicht los. Hinzu kommen Schuldgefühle. Seither leidet der Bauingenieur unter ausgeprägten Einschlafstörungen, massiven Alpträumen, erheblichen Konzentrationsmängeln, hohe Reizbarkeit und Hypervigilanz. Gleich mehrere Ärzte attestieren ihm eine „posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS). Doch die Anerkennung als Berufskrankheit und die damit verbundenen finanziellen und sonstigen Leistungen werden ihm verwehrt – denn PTBS steht nicht auf der Liste der rechtlich anerkannten, berufsbedingten Krankheiten für Ingenieure.

In Deutschland erfolgt die Hilfe nach dem Listenprinzip, ausschließlich bei gelisteten Berufskrankheiten wird über Berufsgenossenschaften und Unfallkassen entschädigt. Also über die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung, die Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten abdecken. Für die Versicherungsbeiträge kommen die Arbeitgeber auf, im Gegenzug werden sie von der Haftung im Falle der Fälle freigestellt. „Gerade kleine und mittelständische Betriebe profitieren von der Solidargemeinschaft der Berufsgenossenschaften, in einem privaten Versicherungssystem müssten sie mit steigenden Prämien rechnen, denn sie haben höhere Unfallquoten“, erklärt Joachim Breuer, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) in Berlin. Unternehmen mit hohen Risiken könnten zudem Schwierigkeiten haben, überhaupt eine Versicherung zu bekommen, wie das Beispiel Großbritannien zeige.

Die Liste mit den amtlich anerkannten Berufskrankheiten erstellt die Bundesregierung in Abstimmung mit den Unfallversicherungsträgern. Darin werden gemäß dem Sozialgesetzbuch (SGB) nur Krankheiten aufgeführt, die sich Versicherte bei ihrer Arbeit zugezogen haben – und die nach den Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft durch besondere Einwirkungen, denen der Rest der Bevölkerung nicht ausgesetzt ist, verursacht wurden. Zu den häufigsten Berufskrankheiten gehören Sehnenscheidenentzündungen an der Hand und dem Handgelenk, Hauterkrankungen und Lärmschwerhörigkeit. Zu den schwersten Beeinträchtigungen, oft mit Todesfolge, zählen Lungenerkrankungen, so das Statistische Bundesamt in Wiesbaden.

Obwohl die Listennennungen bei weitem nicht vollständig sind, hält der Düsseldorfer Fachanwalt für Sozialrecht, Rolf Battenstein, die Absicherung gegen Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten für mustergültig. Wer gesetzlich zur Teilnahme nicht verpflichtet ist, wie beispielsweise Unternehmer und Freiberufler, sollte freiwillig dabei sein. Schließlich nähmen Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten zu und die Liste mit den berufsursächlichen Erkrankungen werde ständig erweitert. Gegen die Antragsablehnung könne zudem geklagt werden, maßgeblich ist dann der Einzelfall, nicht die Liste. Und: Es gibt viel Leistung für relativ geringe Beiträge.

Laut DGUV wurden 2008 rund 970 000 Arbeitsunfälle und etwa 60 000 Berufskrankheitsfälle registriert. Im Vergleich zu den Vorjahren nahmen die Arbeitsunfälle ohne Todesfolge zu, die Fälle mit Todesfolge hingegen ab. Bei den Berufskrankheiten verhielt es sich umgekehrt. Die Zahl der Sterbefälle stieg um drei Prozent – auf 2 400 Tote. Häufigste Todesursache war giftiger Staub, genauer: Asbeststaub. Wer in den 1970er Jahren mit Asbest gearbeitet hat, erkrankt in heutiger Zeit, denn die mittlere Latenzzeit liegt bei 38 Jahren. Ersichtlich wird aus diesem Beispiel in jedem Fall eines: Es ist kein leichtes Unterfangen, die amtliche Krankheitsliste praxiskonform und aktuell zu halten, zumal auch sozialpolitische Erwägungen eine Rolle spielen. Denn ginge es etwa nach der Deutschen Krebshilfe, welche die Anerkennung des Passivrauchens am Arbeitsplatz als Berufskrankheit fordert, hätte dies die Berufsgenossenschaften finanziell belastet, die Krankenkassen aber wiederum entlastet. Das war aber politisch und auch wirtschaftlich nicht gewollt.

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