Viele Firmen scheitern daran, aus viel versprechenden alten Wirkstoffen wieder neue Umsatzträger zu machen
Pharma-Mittelständlern fehlt Finanzkraft

Mittelständischen Pharmaherstellern macht die im Vergleich zur Branchenspitze niedrige Finanzkraft zunehmend zu schaffen. Die Firmen verfügen zwar vielfach über hochinteressante alte Wirkstoffe, deren Weiterentwicklung einen neuen Umsatzschub verspricht. Doch fällt es ihnen schwer, solche verborgenen Schätze zu heben – es fehlt an einem wirksamen Patentschutz und vor allem an Geld für neue klinische Studien.

FRANKFURT/M. Ein typisches Beispiel für diese Situation liefert die Neuentdeckung des Wirkstoffs Benfotiamin, der in der Diabetes-Therapie eingesetzt wird. Vor mehr als 30 Jahren in Japan entwickelt, wird diese Variante des Vitamins B1 bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten in Deutschland von dem Pharmaunternehmen Wörwag Pharma GmbH unter dem Namen Milgamma vertrieben.

Mit nur einigen Millionen Euro Umsatz pro Jahr fristet das Mittel im großen Pharmageschäft eher ein Schattendasein. Doch geriet die Substanz zuletzt ins Rampenlicht der Diabetesforscher, als ein deutsch- amerikanisches Forscherteam eine unbekannte Wirkung von Benfotiamin entdeckte: Im Tierversuch erwies sich die Substanz als vorbeugend gegen so genannte diabetische Neuropathien. Sie gehören zu den gefährlichsten Folgeerscheinungen der Zuckerkrankheit.

Im Normalfall ist eine solche Entdeckung der Grundstein für eine neue Karriere als umsatzstarkes Medikament. Doch ist es alles andere als sicher, ob dies im Fall Benfotiamin gelingt. Zwar hat Wörwag als größter Anbieter des Mittels längst Patente auf entsprechende Anwendungen eingereicht. Doch für große klinische Studien fehlt dem Mittelständler schlicht die Finanzkraft, wie Mitinhaber und Geschäftsführer Marcus Wörwag offen einräumt. Mit dem geplanten Wegfall der Erstattung für nicht verschreibungspflichte Medikamente würden die Möglichkeiten des Böblinger Familienunternehmens weiter eingeengt, heißt es bei Wörwag.

Betroffen von der Neuregelung ist bei Wörwag knapp die Hälfte des Inlandsumsatzes von rund 15 Mill. Euro, darunter auch das Geschäft mit dem verschreibungsfreien Präparat Milgamma. Einschließlich des stark wachsenden Osteuropageschäfts rechnet die Firma mit einem stabilen Gesamtumsatz von knapp 30 Mill. Euro. „Ohne das Auslandsgeschäft könnten wir einpacken“, sagt Geschäftsführer Wörwag.

Typisches Dilemma des Pharmamittelstandes

Vor allem aber kann die Forschung an Benfotiamin allenfalls auf kleiner Flamme vorangetrieben werden. Eine groß angelegte Studie würde nach Einschätzung Wörwags drei Jahre und bis zu 100 Mill. Euro erfordern – für den Mittelständler eine illusorische Größenordnung.

Der Fall beleuchtet ein typisches Dilemma des Pharmamittelstandes. Die meist privaten Unternehmen vertreiben in Deutschland noch Tausende von Medikamenten, die bereits vor Inkrafttreten des Arzneimittelgesetzes in den 70er Jahren auf dem Markt waren. Sie zeichnen sich in der Regel durch geringe Nebenwirkungen aus und sind daher meist nicht verschreibungspflichtig. In aller Regel fehlt es aber auch an einem strengen Nachweis der Wirksamkeit und an Wissen über die Wirkmechanismen. „Das ist eine entscheidene Herausforderung für den Mittelstand“, erläutert Jörg Amborn, Pharmachef von Engelhard Arzneimittel.

Das Familienunternehmen konnte in Zusammenarbeit mit einer Bonner Forschergruppe das Wirkprinzip eines Efeuextraktes aufklären. Mit dem Wegfall der Erstattung, fürchten Experten, wird es den meisten Firmen schwerer fallen, nach Perlen in ihren Beständen zu forschen. Und große Pharmakonzerne dürften wegen der Unsicherheiten im Patentbereich kaum in die Bresche springen.

Dass eine entsprechende Forschung durchaus lohnen kann, zeigt das Beispiel Memantine – ein Altprodukt, das die Frankfurter Merz GmbH neu gegen Alzheimer entwickelte. Nachdem der US-Partner Forest Labs kürzlich eine Zulassung für Memantine erhielt, sehen Experten ein Umsatzpotenzial von über 1 Mrd. $.

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