Vijay Sapre
Das Esspapier des Millionärs

Erst machte er mit Mobile.de Millionen, dann wurde er Praktikant des Sternekochs Gutbert Fallert. Seine kulinarische Leidenschaft hat der Internet-Pionier Vijay Sapre zu Papier gebracht. Seit einem Jahr verlegt er das EsskulturMagazin Effilee und setzt auf Print statt Online – trotz Medienkrise.

HAMBURG. Nein, so stellt man sich einen Millionär nicht vor. Ein faltiges schlabberiges Langarmshirt, hochgekrempelte Ärmel, Knitter am Bund, die darauf deuten, dass das Shirt vor kurzem noch in der ausgebeulten Jeans gesteckt haben muss. Vijay Sapre serviert gerade eine Nachspeise und wirkt dabei eher wie ein Kellner eines Szenerestaurants.

Dabei ist Sapre ein gemachter Mann, der sich nicht nur in Szene setzen, sondern auch in Sternerestaurants bedienen lassen könnte. Und das auch oft genug tut. 1996 hatte er zusammen mit Ralf Prehn die Online Autobörse Mobile.de gegründet. Und acht Jahre später kaufte Ebay das Unternehmen für mehr als 120 Millionen Euro.

Das wäre der natürliche Zeitpunkt gewesen, um sich in einer Villa am Hamburger Elbufer zur Ruhe zu setzen. „Ich habe es ja probiert, aber es hat nicht geklappt“, sagt der Sohn eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter. Den Versuch brach er aus Angst, trübsinnig zu werden, nach einem halben Jahr aber ab – um Praktikant zu werden. Bei Sternekoch Gutbert Fallert stand er in der Talmühle im schwäbischen Sasbachwalden am Herd, um die Praxistauglichkeit seiner Leidenschaft fürs Kochen anzutesten. „Für eine Karriere als Koch bin ich zu alt“, meint der 47-Jährige heute. „Dieser Zug ist abgefahren.“

Also sprang er auf den nächst erreichbaren auf und gründete das EsskulturMagazin Effilee. Der schreibfehleranfällige Name leitet sich aus dem französischen Adjektiv für spitz ab. Auch schlanke Messer werden so genannt, und gerupftes Geflügel, das noch nicht ausgenommen ist und an dem noch Kopf und Füße hängen.

Doch warum um alles in der Welt gründet Internet-Mann Sapre mitten in der Medienkrise, in der viele genüsslich das Ende des gedruckten Wortes ausrufen, ein textlastiges Hochglanzmagazin? „Ich habe 13 Jahre online gemacht, ein wahnsinnig schnelles, aber eben auch nicht besonders sorgfältiges Medium“, erklärt der Vater von drei Kindern. „ Print ist das genaue Gegenteil, da wird so lange an Texten gearbeitet, bis auch noch der kleinste Fehler ausgemerzt ist.“ Außerdem wollte er etwas Haptisches, etwas zum Anfassen schaffen und freut sich noch immer diebisch, wenn die Paletten mit der frisch gedruckten Ausgabe in die Redaktion an der Hamburger Rothenbaumchaussee geliefert werden.

Dann vergisst Sapre auch schon mal, dass der Start nicht so leicht war. „Ich dachte, wir produzieren ein wahnsinnig tolles Heft, und es macht Knall“, erzählt er. Ganz so war es nicht. Berater hatten ihn gewarnt. Sie hatten allerdings auch geraten, erst mal davon abzusehen, viel Kraft in die Anzeigenakquise zu stecken. Mittlerweile läuft das Anzeigengeschäft so gut, dass er die gerade erschienene sechste Ausgabe um 16 Seiten verlängern musste. Die verkaufte Auflage liegt bei 7 000 Exemplaren – bei einem Preis von 6,80 Euro. „Es läuft zufriedenstellend“, bilanziert Sapre kühl.

Er ist kein Spinner. Er ist kein Träumer. Aber er hat eine Leidenschaft, die er in Effilee auslebt. „Die Leidenschaft fürs Essen ist ein Vorwand, um spannende Geschichten zu erzählen, etwa so wie bei dem Wirtschaftsmagazin Brand eins“, sagt er. Genau da sieht er die Zukunft von Zeitungen und Magazinen, in langen spannenden Geschichten aus einer Welt, die sich der Leser nicht nach seinem Gusto in Infohäppchen aus dem Internet zusammenstöpselt.

Seite 1:

Das Esspapier des Millionärs

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%