Villeroy & Boch
Geruchslose Toiletten und ein Hauch Romantik

Der Keramikhersteller Villeroy & Boch ist ein traditionsbewusster Konzern. Dennoch hat Wendelin von Boch es geschafft, das Unternehmen zukunftsfest zu machen. Keine leichte Aufgabe. Über Forschritte und Rückschläge einer schmerzhaften Selbstfindung.

METTLACH. Der Glanz der Marke lockt ihn in die saarländische Provinz. Dorthin, wo Tradition an jeder Kachel pappt. „Ich hatte zwar keine schlaflosen Nächte wegen Villeroy & Boch, aber das Unternehmen viele Berührungspunkte in meinem Leben“, sagt Frank Göring, 48. Er ist seit zwei Jahren Vorstandschef des Keramikhersteller, dem wohl ältesten noch existierenden deutschen Industriebetrieb.

Wo die Benediktinerabtei Mettlach liegt, Stammsitz von Villeroy & Boch, weiß er bei seinem Bewerbungsgespräch nur, weil er mal eine Klassenfahrt ins Saarländische gemacht hat. Göring unterschreibt in einem rot getäfelten Saal unter den in Öl verewigten Blicken der Unternehmensgründer. Für Göring Neuland. Beim Konsumgüterriesen Procter & Gamble, wo Göring zuvor arbeitete, sehen die Büroräume anders aus. Göring ließ sich dennoch locken.

Und setzt sich seitdem mit geballter deutscher Industrietradition auseinander. Angefangen hat bei Villeroy & Boch alles mit simplem Steinzeug im Jahr 1748 in einer Werkstatt im lothringischen Dorf Audun le Tiche. Heute arbeiten rund 9 000 Menschen für das Unternehmen, der Familienkonzern ist in 125 Ländern und seit 1990 an der Börse präsent und hat Werke in elf europäischen Staaten. 80 Prozent des Umsatzes kommen aus dem Ausland.

Dieser Erfolg ist vor allem Wendelin von Boch zuzuschreiben. Der 67-Jährige übernahm den Chefposten 1998 zum 250-jährigen Firmenjubiläum und baute radikal um. Er kaufte Fabriken in Osteuropa, schloss Werke in Deutschland, reduzierte die Zahl der Mitarbeiter von 14 000 auf 10 000. Am Ende der Verschlankungskur stand ein verdreifachter Gewinn. Statt auf Keramikwaschbecken oder Kloschüsseln aus dem Baumarkt setzte von Boch auf Lifestyle, ließ Geschirr und Wellnessausrüstung fürs Bad produzieren. 2007 übergab er an Frank Göring, von Boch selbst wechselte als einfaches Mitglied in den Aufsichtsrat.

Im Mai dieses Jahres übernahm er den Vorsitz, die Familie wollte das so. Und was die Familie will, wird gemacht in Mettlach. Etwa 250 Nachkommen der von Bochs und Villeroys kontrollieren sämtliche Stimmrechte und rund ein Fünftel der Vorzugsaktien. Mittlerweile hat die Krise die Mettlacher erwischt: Das Unternehmen macht Verlust, vermeldet im ersten Halbjahr dieses Jahres einen Umsatzrückgang von 20 Prozent auf knapp 350 Millionen Euro. Darauf reagiert Göring mit einem drastischen Sparprogramm. Ein Zehntel der 9 000 Stellen soll wegfallen, sechs Werke geschlossen werden. Göring rechnet mit 60 Millionen Euro Restrukturierungskosten. Und die Zeiten werden nicht einfacher. Konkurrenz aus Asien verschärft den Druck. Zusammen mit dem angeschlagenen Porzellanhersteller Rosenthal ist Villeroy & Boch der einzige Anbieter von Bedeutung, der noch in Deutschland produziert. Und auch hier droht Ungemach: Nachdem der bayerische Konkurrent nach durchlaufenem Insolvenzverfahren seiner Pensionsverpflichtungen entledigt ist, fürchtet Göring nun um die Wettbewerbsgleichheit.

Er hat aber einen Trumpf im Ärmel: Produktinnovationen, von denen andere Keramikproduzenten nur träumen. Ein geruchsloses Klo etwa. Vorstandschef Göring hat es selbst zu Hause getestet und für gut befunden. Demnächst, so die Überlegung, könnte ein Adidas-Turnschuh mit Villeroy & Boch-Blümchendesign dazukommen. Denn: „Im Moment“, sagt von Boch, „versuchen wir wieder romantischer zu werden.“

Annika Reinert
Christine Weißenborn
Handelsblatt / Redakteurin
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