Vom Hölzchen aufs Gläschen
Kristallklare Strategie

Eigentlich sollte er als Analyst für ABN Amro nach London gehen.Doch Max von Schnurbein entschied sich für ein fragiles Glück in der Provinz: Er übernahm die Glasmanufaktur Theresienthal im tiefsten Bayerischen Wald und will beweisen, dass auch in strukturschwachen Regionen ein siechendes Gewerbe wieder auf die Beine kommen kann.

Wenn Max Freiherr von Schnurbein ins Niederbayerische verfällt, wird seine Stimme lauter. Und voller. Und er schiebt seinen Kiefer vor wie ein Terrier mit Unterbiss. Er gebraucht dann Begriffe wie "die Waldler" oder "Latifundien" - und lacht. "War alles nur ein Scherz", sagt er. Aber man merkt, dass es ihm ernst ist, dass er das liebt, den Wald, den Boden, die Heimat, Zwiesel. Wie sonst hätte es einen internationalen Banker, zu einem Zeitpunkt, als er gerade seinen zweiten Umzug nach London plante, in den tiefsten Bayerischen Wald verschlagen? Wo sich kleiner und großer Regen gabeln und bayerische Füchse böhmischen Hasen Gute Nacht sagen. Warum würde so jemand in den hintersten Winkel Deutschlands ziehen, wo sich die Waldbahn Stationen entlanghangelt, die Gotteszell, Triefenried oder Bettmannsäge heißen. Wieso Zwiesel? Die Antwort ist ebenso zerbrechlich wie schön: Weil er Kristallglas produzieren will.

Der Frühling hat längst in Deutschland Einzug gehalten, doch die Glashütte Theresienthal liegt wie im Winterschlaf. Vor dem Fenster des Konferenzraums gehen von Zeit zu Zeit donnernd Dachlawinen ab. Die Schneedecke reflektiert gleißend die Sonne und die gläsernen Pokale und handbemalten Weingläser, die seltsam deplatziert in 70er-Jahre Regalen stehen, funkeln in bernstein, flaschengrün oder rubinrot. In dem schmucklosen Raum mit der zusammengewürfelten Möblierung bekommt man kaum ein Gefühl dafür, warum der 40-Jährige diesen Schritt gewagt hat, warum er statt seine Finanzkarriere weiter zu verfolgen, die Scherben einer ehemals bedeutenden Glashütte in der tiefsten Provinz übernommen hat. Doch Max von Schnurbein musste nicht lange nachdenken. Er ist mit Theresienthaler Glas aufgewachsen, seine Familie nutzte die klassischen Kristallgläser. Und er sah die blühende Zukunft der Glashütte vor sich, wie in einer Kristallkugel.

Von Schnurbein ist auf den ersten Blick ein nüchterner Typ, rational, analytisch. Doch in der Wahl seiner Themen ist er Romantiker. Seine Art zu denken ist vom Wald geprägt. "Der Markt funktioniert immer von allein, vom Prinzip ist man einfach zu klein, um etwas zu verändern. Man muss halt seine Spielräume erkennen und nutzen", lautet sein Forstwirtschaftskredo. Von der Natur hat er Dinge gelernt, die ihm bei vielem helfen. "Wer in Zeiträumen von 80 bis 150 Jahren rechnet, muss sehr nah an der Natur planen, an dem, was von alleine passiert. Sonnst hält er das nicht durch", sagt er. Das sei ein supergutes System für jede andere Art von Marktbeobachtung.

Der Freiherr hat nicht irgendeinen heimischen Wirtschaftsbetrieb übernommen, sondern ein Versuchsobjekt, eine Blaupause, die zeigen soll, dass auch in strukturschwachen Regionen ein siechendes Gewerbe wieder auf die Beine kommen kann. Die Glasmacherei war 1836 vom Würzburger Glashändler Franz Steigerwald gegründet worden, auf Geheiß des bayerischen Königs Ludwig. Und die Glaswaren aus Theresienthal starteten einen Siegeszug durch Europa. Männer mit strohgepolsterten Kisten auf dem Rücken lieferten die Gläser bis an den Hof des Zaren in Sankt Petersburg. Auf Kunst- und Gewerbeausstellungen wurden Exponate der "Krystallglasmanufaktur Theresienthal" geehrt und auf Weltausstellungen ausgezeichnet. Beim New Yorker Juwelier Tiffany oder dem Londoner Kaufhaus Selfridges schmückten sie die Auslagen. Doch es fehlte die innovative Kraft, um den Traditionsbetrieb modern zu gestalten. Zuletzt kam auch Kitsch und Allerweltsware aus der Manufaktur. Irgendwann sanken die Preise, stimmte die Qualität nicht mehr. Kunden sprangen ab, darunter auch Familien, die seit Generationen ihre Tafeln mit Kristall aus Zwiesel verschönern. 1997 verkaufte der damalige Besitzer, der Porzellanhersteller Hutschenreuther, den Betrieb. Im Jahr 2000 kam die erste Insolvenz, kurz darauf die zweite.

Schließlich gründete die Eberhard von Kuenheim Stiftung mit der Deutsche Bank Stiftung und mit weiteren Partnern die Stiftung Theresienthal. Sie soll die Glasmacherkunst fördern und erhalten, und "ein Zeichen dafür setzen, dass man in Deutschland wieder etwas leisten kann", wie Eberhard von Kuenheim sagte. Den Lohn für die 18 Arbeiter zahlte ein Jahr lang das bayerische Arbeitsministerium aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds und der Bundesagentur für Arbeit. Ganz ohne Entlohnung arbeiteten eine ganze Reihe Ehrenamtlicher an der Reanimation: Berater der Boston Consulting Group, Werber von Jung von Matt, Rechtsanwälte und Steuerberater. Peter Kempe und Thomas Kuball, die in Hamburg einen Concept-Store betreiben und schon mit der Porzellanmarke Meissen ihr Profil geschärft hatten, unterstützten die Glashütte bei der Erstellung des Produktportfolios. 2004 gingen die Öfen wieder an. Dann sollte die Manufaktur in die Hände eines Unternehmers übergeben werden, der nicht nur das nötige Kapital und die entsprechende Erfahrung mitbrachte, sondern auch den Willen, sich dauerhaft im bayerischen Wald niederlassen zu wollen.

Max von Schnurbein stammt aus Zwiesel. Seine Familie ist dort seit gut 100 Jahren verwurzelt, als sein Urgroßvater im Jahr 1905 dort Wald kaufte. Doch der junge Max wollte raus, etwas sehen. Also zog er nach Freiburg und studierte dort Forstwissenschaften. Dann wechselte er nach Weihenstephan. Doch statt Wälder zu bewirtschaften, bewertete er bald Sägewerke und Waldgrundstücke für die DKB-Bank. "Die Vorstellung des damaligen Vorstands Günther Troppmann war es, dass man sich auch mit dem Geschäft auskennt, für das man Kredite vergibt," sagt er. Als schließlich die holländische Bank ABN Amro mehrere Kreditportfolios verkaufte, schlug von Schnurbeins Karrierestunde. Er sollte die Einheiten bewerten, Preise finden, Verträge entwerfen. "Ich war überrascht, welche Dinge man in so einen Vertrag reinschreiben konnte", sagt er. Geschadet hat das von Schnurbein nicht, im Gegenteil. Kurz nach dem Abschluss erhielt er ein Angebot von den Holländern, ging schließlich 1999 zunächst nach Berlin, dann nach Frankfurt. 2002 wechselte er zu Fitch Ratings und zog nach London. 2003 dann wieder Frankfurt, wieder für ABN Amro, diesmal als Lead-Analyst für die europäische Chemiebranche. Ungefähr zur gleichen Zeit begann in Bayern ein Team unterschiedlichster Menschen mit der Rettung von Theresienthal.

Rund fünf Jahre später stehen in der großen Halle von Theresienthal drei Glasmacher auf einem Podest. Sie wirken etwas verloren. Der Dachstuhl über ihnen ist gewaltig und so alt wie die Firmengeschichte. Unter diesem Dach arbeiteten einst ein paar hundert Menschen. Nur spärliches Tageslicht fällt durch die wenigen Dachfenster. Aus den Glasöfen strahlt es honighell. "Es sieht manchmal nach Museum aus, aber das ist es nicht", sagt von Schnurbein. Über die Jahrzehnte hat man die Technik verfeinert und Arbeitsformen gefunden, die beste Ergebnisse liefern und die in Zeiten chinesischer Massenware echter Luxus sind. "Das Produkt muss wunderschön sein, richtig sein, es muss Spaß und Freude machen", sagt der Ex-Banker. "Wenn der Weg dahin über ein erfahrenes, perfektes Handwerk funktioniert, ist das sehr gut für uns. Dann gibt es hohe Hürden für den Markteintritt von Mitbewerbern."

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