Abschied vom Turbowachstum
Chinas Wilder Westen

Das chinesische Hinterland sollte der neue Wachstumstreiber werden. Mit Milliarden hat die Regierung die Infrastruktur modernisiert. Aber jetzt bricht die Konjunktur hier besonders stark ein. Ein Ortsbesuch.

YinchuanWie ein Skelett aus Stahl und Beton streckt sich der Rohbau des Hochhauses in den Himmel. Gleißend helle Blitze der Schweißgeräte durchzucken die Baustelle in der Zweimillionenstadt Yinchuan. Arbeiter laden Betonteile von der Ladefläche eines Lastwagens ab. Alles soll zum Einzug der ersten Mieter fertig sein.

Das neue Geschäftsviertel „Yue Hai Wan“ ist das Aushängeschild der nordwestchinesischen Region Ningxia. Auf einer Fläche von 5200 Quadratkilometern - das ist etwa doppelt so groß wie das Saarland - soll der modernste Geschäftsdistrikt der Region entstehen. Insgesamt sieben Milliarden Euro (50 Milliarden Yuan) fließen in „Yue Hai Wan“, hier, rund 1000 Kilometer westlich von Peking.

Auf Ningxia und den anderen Provinzen und Regionen in Chinas Westen ruhen die großen Hoffnungen der Wirtschaftsplaner in Peking. Chinas Osten hat das Turbowachstum des Landes lange angetrieben. Mit realen Wachstumsraten von im Schnitt zehn Prozent stieg die Volksrepublik vom unbedeutenden Entwicklungsland zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt auf.

Nun soll Chinas weniger entwickelter Westen der neue Wachstumstreiber werden. „Der Aufstieg der chinesischen Westregionen wird ein entscheidender Teil der nationalen Strategie zur wirtschaftlichen Neuerfindung sein“, sagt Ministerpräsident Li Keqiang. Dafür hat die Zentralregierung gewaltige Summen investieren lassen.

Vier moderne Autobahnen verbinden Yinchuan mit den umliegenden Regionen Qinghai, der Inneren Mongolei, Shaanxi und Sichuan. Fast alle großen Straßen in der Stadt wurden in den vergangenen sechs Jahren gebaut oder erneuert - finanziert mit dem gewaltigen Investitionsprogramm, das Peking 2009 als Reaktion auf die globale Finanzkrise angestoßen hatte. Der Flughafen in Yinchuan soll bald auf die doppelte Größe ausgebaut werden.

Alles ist auf ein rasantes Wirtschaftswachstum ausgelegt. Aber die Zuwachsraten in Chinas Westen sind stark eingebrochen. Staats- und Parteichef Xi Jinping hat die Losung von der „neuen Normalität“ ausgegeben, um den Abschied vom Turbowachstum zu umschreiben. Die Regierung peilt mit real „etwa sieben Prozent“ für dieses Jahr das schwächste Wachstum seit den 1990er-Jahren an. Ningxia und andere Regionen in Chinas Westen sind von dem Wachstumseinbruch hart betroffen. Im Moment fallen die Nachzügler eher zurück, als dass sie aufholen.

Der Ökonom Kuang Xianming macht dafür die Struktur der Wirtschaft in Chinas Hinterland verantwortlich. „Noch immer fußt die Ökonomie in dieser Gegend stark auf Schwerindustrie und der Ausbeutung von Bodenschätzen“, sagt der Direktor des Wirtschaftszentrums am renommierten China Institute of Reform and Development. Diese Branchen leiden derzeit besonders stark. Chinas Einkaufsmanagerindex für die Industrie ist so niedrig wie seit drei Jahren nicht mehr.

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