Andreas Renschler zu Brasilien
„Wir fangen ja nicht bei null an“

Hat Brasilien die Talsohle seiner Krise erreicht? Woher kommen neue Wachstumsimpulse? Vom Binnenmarkt, aus dem Export, durch Investitionen? Ein Gespräch mit Andreas Renschler, Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses.

Andreas Renschler Vorsitzender des Lateinamerika-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft und Mitglied des Vorstandes der Volkswagen AG.

Ausländische Unternehmen kaufen derzeit in Brasilien Unternehmen wie zuletzt im Boom vor zehn Jahren. Deutsche Konzerne sind nicht dabei. Verpasst die deutsche Wirtschaft in Brasilien etwas?
Ein klares Nein. Es ist uns bewusst, dass die Weichen für die nächsten Jahre bereits gestellt werden. Wir warten nicht auf Sonnenschein, sondern beschäftigen uns schon jetzt mit unserer strategischen Perspektive in Brasilien. Wir wollen mehr mit Brasilien machen. Wir punkten überall da als bevorzugter Technologie- und Know-how-Partner, wo innovative und zuverlässige Lösungen gesucht werden. Dafür setzt sich der Lateinamerika-Ausschuss (LADW) ein.

Dennoch sind die deutschen Unternehmen derzeit zurückhaltend.
Wir fangen ja nicht bei null an. Deutsche Unternehmen sind nicht erst mit dem letzten Brasilienboom ins Land gekommen. Die meisten der über 1300 Firmen sind bereits seit vielen Jahrzehnten dort. Wir sind in Schlüsselbranchen gut vertreten. Wie etwa der Automobilindustrie, dem Maschinenbau, der Elektronik oder der chemischen Industrie.

Doch gerade in diesen Branchen sind die Aussichten doch eher mittelprächtig derzeit.
Die deutsche Wirtschaft ist dafür bekannt, Partnerschaften langfristig einzugehen. Wir kommen vielleicht nicht als Erste, bleiben aber dafür zuverlässig da und ziehen uns nicht zurück, auch wenn Schwächephasen eintreten!

Hat Brasilien denn die Talsohle seiner Krise erreicht?
Davon gehe ich aus. Es mehren sich die Anzeichen, dass eine Erholung bevorsteht! Experten prognostizieren mittlerweile ein Wirtschaftswachstum von drei bis vier Prozent ab 2018. Ein Grund zur Hoffnung.

Woher sollen die nächsten Wachstumsimpulse kommen? Vom Binnenmarkt, aus dem Export, durch Investitionen?
Sowohl als auch! Wir reden hier schließlich über das fünftgrößte Land der Erde. Brasilien hat mit über 200 Millionen Konsumenten einen starken Binnenmarkt. Darüber hinaus kann die Rolle Brasiliens auf dem internationalen Spielfeld deutlich stärker werden, etwa durch ein Freihandelsabkommen EU-Mercosur.

Ihre eigene Branche, die Kfz-Industrie wird besonders stark von der Krise mitgenommen. Das schreckt Investoren ab.
Die deutschen Unternehmen in der brasilianischen Automobilindustrie zählen zu den Spitzenreitern und spüren die Rezession der letzten Jahre besonders stark. Aktuell sind wir dabei, unsere Firmen wieder auf Kurs zu bringen.

Wurde der KFZ-Markt in Brasilien nicht überschätzt, als die Konzerne dort investierten?
Gegenwärtig hat jeder fünfte Brasilianer ein Auto. Damit ist das Land vom Durchschnitt der global wichtigen Märkte von weniger als zwei Einwohnern pro Auto noch meilenweit entfernt! Und ab 2017 sollte es wieder bergaufgehen. Das gilt auch für Nutzfahrzeuge: Für 2017 könnte das Marktwachstum bei LKW sogar zweistellig ausfallen.

Herr Renschler, ich danke Ihnen für das Interview.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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