Chinesen bauen auf Tourismus in Nordkorea: Luxus-Paradies in der Diktatur

Chinesen bauen auf Tourismus in Nordkorea
Luxus-Paradies in der Diktatur

Trotz Sanktionen gegen das Nachbarland planen Chinesen in Nordkorea ein riesiges gemeinsames Areal für Urlauber: Der Bereich soll bis zu 100 Quadratkilometer umfassen. Auch Firmen spekulieren auf die Öffnung des Landes.

HunchunEisiger Wind bläst Liu Chenghua ins Gesicht. Das Thermometer zeigt minus 15 Grad. Liu zieht seine Hand aus seiner Manteltasche und zeigt auf den Horizont. „Dort ist der Pazifik“, sagt er. Zehn Kilometer trennen China vom Ozean an dem äußersten Zipfel im Nordosten des Milliardenreichs. Aber eingekeilt zwischen Nordkorea und Russland ist das Meer in unerreichbarer Entfernung.

Einst reichte Chinas Grenze hier bis zum Pazifik. Aber Liu ist kein Mann, der der Vergangenheit nachtrauert. Als Direktor der Tourismusbehörde der angrenzenden Stadt Hunchun blickt er auf die Zukunft. Und die sieht glänzend aus, ist er überzeugt. „Wir treiben hier ein einzigartiges Projekt voran“, sagt er, den Blick von dem Aussichtsturm auf die kahlen Hügel auf der nordkoreanischen Seite der Grenze gerichtet. Auf einer Fläche von bis zu 100 Quadratkilometern will er das Gebiet zu einer über alle drei Länder greifenden Touristenregion verbinden. Visumsfrei sollen Asiaten, Europäer, Afrikaner und Amerikaner die Touristenzone besuchen dürfen.

„Hier soll es künftig an keinem Luxus fehlen“, sagt Liu. Eine Werbetafel zeigt Bilder von einem Kasino, einem Golfplatz und einem Wellnesshotel mit heißen Quellen. Alles soll bald in der Region gebaut werden.

Touristenzone trotz Atomtest

Ein internationales Gebiet für Touristen gemeinsam mit Nordkorea, kann das überhaupt funktionieren? Vergangene Woche hatte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen mit Unterstützung der Vetomacht China schärfere Sanktionen gegen Nordkorea verhängt. Die Strafmaßnahmen waren eine Reaktion auf den nordkoreanischen Atomtest im Januar. Nur Stunden nach dem Uno-Beschluss ließ Pjöngjang Kurzstreckenraketen in Richtung Japanisches Meer schießen, wie Südkoreas Verteidigungsministerium mitteilte.

Liu sieht den Konflikt nicht als ein Hindernis. Ganz im Gegenteil ist er überzeugt, dass die Zeichen derzeit sehr gut stehen. „Gerade jetzt ist Nordkorea auf Projekte wie die Touristenzone angewiesen“, sagt Liu. Er sei kürzlich erst für Gespräche im Nachbarland gewesen, und man habe ihm signalisiert, dass das Projekt vorangetrieben werde. Gerade wegen der Sanktionen sei das Regime besonders auf die Devisen angewiesen, die Touristen in das Land bringen könnten.

Die Sanktionen dürften das Projekt nicht gefährden, sagt Außenpolitik-Experte Cheng Xiaohe von der Pekinger Volksuniversität. „Militärische Überlegungen spielen bei der Touristenzone keine Rolle. Deshalb dürfte sie ungehindert fortgesetzt werden können“, so Cheng.

Riskante Wette für China

Als der Gouverneur der Provinz Jilin, Jiang Chaoliang, das Projekt vor drei Jahren vorstellte, wurde er belächelt. Aber mittlerweile haben sich die Bedingungen geändert. Eine Schnellzugverbindung zwischen der Provinzhauptstadt Changchun und Hunchun ist im Herbst 2015 fertiggestellt worden. „Seitdem sind die Zahlen chinesischer Touristen um fast 200 Prozent gestiegen“, sagt Projektleiter Liu.

China will das Vorhaben vor allem mit Geld schmackhaft machen. Elf Milliarden Yuan (1,5 Milliarden Euro) hat die Provinzregierung auf den Tisch gelegt. Russland soll umgerechnet drei Milliarden Yuan und Nordkorea zwei Milliarden Yuan beisteuern. Bislang stehen neben dem Aussichtsturm ein kleines Dorf mit Ferienwohnungen und ein Restaurant. Ein Hafen ist im Bau, und eine Brücke über den Grenzfluss zwischen China und Nordkorea wird gerade erweitert.

Für China ist das Projekt eine riskante Wette. Aber nicht nur die chinesische Regierung geht das Risiko ein, und spekuliert auf Geschäfte mit dem abgekapselten Regime in Pjöngjang. Auch Firmen wittern ihre Chance.

Logistikzentrum in Grenzregion

In einer neu errichteten Wirtschaftszone in Hunchun ragt ein Stahlträger über eine sechsspurige Straße. Die Logos des südkoreanischen Stahlkonzerns Posco und des Autoherstellers Hyundai zieren das Konstrukt am Eingang zum Unternehmensgelände. Die Firmen haben sich zusammengeschlossen, um ein Megaprojekt zu realisieren. In der abgeschiedenen Grenzregion wollen sie ein 1,5 Quadratkilometer großes Logistikzentrum hochziehen. Die ersten Hallen stehen bereits. Bis Ende 2019 soll die gesamte Anlage fertiggestellt sein.

Managerin Yan Hui empfängt in einer geräumigen Eingangshalle. Sonnenlicht fällt durch die riesigen Fenster. „Wir haben sehr von günstigem Bauland und Steuererleichterungen profitiert“, sagt Yan. Auf einer Karte zeigt sie, wie von Hunchun aus Waren aus Chinas Nordosten verteilt werden sollen. Aber viele der Pfeile für die künftigen Transportwege führen durch Nordkorea. „Natürlich ist der Hafen Rajin ein wichtiger Knotenpunkt“, so Yan. Aber der liegt bei der Stadt Sonbong im abgeschotteten Nachbarland. Zwar gehört die Region zu einer speziellen Wirtschaftszone, bislang ist die Öffnung aber noch nicht weit fortgeschritten.

Das Touristenareal ist nicht das erste Megaprojekt, das die Drei-Länder-Region nach vorne bringen soll. Bereits in den 1990er-Jahren hatte das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen das Delta am Tumen-Fluss zur Wachstumsregion aufwerten wollen. Damals wurde die Region als das „nächste Rotterdam“ gefeiert. Die Bilanz für die „Greater Tumen Initiative“ blieb jedoch bescheiden. Zwar wurden regelmäßig Konferenzen unter Uno-Schirmherrschaft abgehalten, eine größere Kooperation kam jedoch nicht zustande.

Aber dieses Mal soll alles anders werden. Peking fördert den Tourismus in Chinas Nordosten. Die Zahl der Besucher soll sich von rund 9,5 Millionen Touristen 2015 innerhalb von fünf Jahren verdoppeln, prognostiziert Chinas nationale Tourismusbehörde. Vorausgesetzt, das unberechenbare Nordkorea spielt mit.

Stephan Scheuer ist China-Korrespondent des Handelsblatts. Quelle: Mirela Hadzic für Handelsblatt
Stephan Scheuer
Handelsblatt / Korrespondent China
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