Hernando de Soto
„Politiker haben keine Ahnung vom Wähler“

Der peruanische Ökonom und Berater Hernando de Soto spricht im Interview über die Fehler der südamerikanischen Regierungschefs, nötige Reformen und Strategien für mehr gesellschaftliche Fairness.
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Eigentumsrechte sieht der erfahrene Politikberater Hernando de Soto als Schlüssel zur Bekämpfung von Armut. Im Gespräch mit Alexander Busch erläutert er seinen Blick auf Risiken und Chancen in Südamerika – und warnt vor neuen Konflikten.

Wie wird sich die wirtschaftliche und politische Krise Brasiliens auf Südamerika auswirken?
Die Linke in Südamerika wird die Rechnung für die Fehler dort bezahlen müssen. Brasiliens Arbeiterpartei PT hat gezeigt, dass sie genauso korrupt ist wie die etablierten Parteien. Niemand in Südamerika sieht derzeit Brasilien als einen natürlichen Führer der Region an – eine Position, die das Land durch seine Größe und Bedeutung auf dem Kontinent durchaus einnehmen könnte.

Wird es der Pazifik-Allianz gelingen, Südamerika stärker zu integrieren?
Ich halte die Allianz vor allem für einen makroökonomischen Zusammenschluss. Die Länder eint, dass sie sich wirtschafts- und außenpolitisch auf der Linie der USA befinden. Politisch sind die Länder doch zu unterschiedlich, als dass sie sich schnell annähern werden.

Die südamerikanische Wirtschaft hat eines der besten Jahrzehnte hinter sicher. Warum ist die Bevölkerung dennoch unzufrieden wie schon lange nicht mehr?
Südamerikas Elite hat keinen Kontakt zum Volk. Es fehlen die notwendigen Kommunikationskanäle. Die Volksvertreter werden alle paar Jahre gewählt. Doch dann fehlen die Mechanismen, um die Performance der Politiker zu kontrollieren. Umgekehrt haben die Politiker keine Ahnung von den Bedürfnissen ihrer Wähler.

Der Brasilianer Lula hatte sich doch vom Schlosser zum Präsidenten hochgearbeitet ...
Egal, ob die Regierungen rechts oder links sind – sie wollen weder die Macht teilen, noch trauen sie ihrem Volk. Sie finden immer eine Ausrede dafür, warum sie die Armen nicht mitreden lassen wollen. In Lateinamerika hat nie eine profunde Republikanisierung stattgefunden. Es gibt keinen kontinuierlichen Prozess der Demokratie.

Gilt das nicht für die meisten Emerging Markets?
Nein. Ich verweise in dem Zusammenhang gerne auf China. Die Chinesen haben über ihre Kommunistische Partei bessere Kanäle, um an ihre Machtelite heranzukommen, als wir in Südamerika, die wir alle vier Jahre wählen.

Hat Südamerika die Einnahmen aus dem Rohstoffboom verprasst und wieder eine Dekade verloren?
Nein, das kann man so nicht sagen. Peru ist in den letzten 25 Jahren zweimal so schnell gewachsen wie die Weltwirtschaft. Auch die meisten anderen Länder in Südamerika haben deutlich an Wohlstand zugelegt. Dennoch sind diese Fortschritte alles Folgen der marktwirtschaftlichen Reformen von vor eineinhalb Dekaden. Danach hat es nur noch kleine Änderungen gegeben.

Erwarten Sie eine zweite Reformwelle?
Ich denke ja. Die Weltwirtschaftskrise und die jetzige Rezession in einigen der großen Volkswirtschaften Südamerikas haben uns gezeigt, dass unsere lokalen Märkte zu klein sind. Wir müssen mehr Menschen in die formelle Wirtschaft integrieren. Das ist kein kleiner Teil der Gesellschaft: In Peru spreche ich von elf Millionen Menschen bei einer Bevölkerung von 30 Millionen. Wir haben jüngst eine Untersuchung in Argentinien gemacht – in dem Land also, das lange die am weitesten entwickelte Volkswirtschaft in Lateinamerika besaß. Dort sind 70 Prozent der Menschen vom formellen Sektor ausgeschlossen.

Werden die Konflikte zunehmen?
Ich befürchte es. Solange die Systeme die Menschen hier nicht wirklich reinlassen, also den Aufstiegswilligen den Weg öffnen, wird es Unzufriedene geben. Wir reden hier nicht von rechts und links. Sondern von oben und unten. In vielen Aspekten befindet sich Südamerika noch im Stadium Europas vor der industriellen Revolution, also zu Zeiten von Asterix und Obelix. Bisher hat sich keine Partei gefunden, die diese Stimmen der Unzufriedenen einsammelt.

Hugo Chávez in Venezuela hat es doch probiert ...
Und das Ergebnis ist ein Desaster. Dabei bin ich persönlich fest davon überzeugt, nach mehreren Treffen mit Chávez, dass er wirklich nach Lösungen für das Entwicklungsdilemma der Südamerikaner gesucht hat. Chávez hatte eine klare Vorstellung davon, dass die Armen keine Perspektive haben und sich die Elite nicht für ihr Schicksal interessiert. Das wollte er ändern. Doch um ein guter Politiker zu sein, braucht es mehr als das richtige Gefühl.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika

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