Joko Widodo
Der Reformer im Slum

Die wirtschaftlichen Probleme Indonesiens bleiben – auch nach einem Jahr Präsidentschaft von Joko Widodo. Doch im Partnerland der Frankfurter Buchmesse lieben die Armen ihren „Jokowi“.

JakartaDie Stimmung auf dem Dorfplatz erinnert an eine Mischung aus Volksfest und Rockkonzert. Hunderte, tausende von Bewohnern des Armenviertels Manggarai im Süden von Jakarta warten gespannt. Als endlich ein schmächtig gebauter Mann im traditionellen indonesischen Batik-Hemd auf den Platz tritt, bricht Euphorie aus. Präsident Joko Widodo schüttelt Hände, lacht, verteilt Essenspakete an die Ärmsten. Vor allem hört er zu. „Hier zu sein ist mir sehr wichtig“, sagt Widodo im Gespräch mit dem Handelsblatt, „denn ich erfahre von den Leuten direkt, was wirklich von Bedeutung ist: höhere Lebensmittelpreise, steigende Kosten.“ Zweimal pro Woche kommt Widodo zu einem „Blusukan“ – einem spontanen Besuch. In einen Slum, auf einen Markt, in ein Amt, in eine Fabrik.

Widodos Bilanz nach einem Jahr im Amt wird in so manchem westlichen Land kritisch gesehen. Viele Indonesier bereuten es mittlerweile, ihn als Staatsoberhaupt zu haben, schrieb etwa die Nachrichtenagentur Bloomberg. Doch zwischen Wellblechverschlägen, offenen Kanälen und Spanholzhütten ist davon nichts zu spüren. Unter den Armen, den Straßenhändlern, unter jenen, die keine Stimme haben, aber auch unter Kleingewerbetreibenden, wird der 54-jährige verehrt wie ein Heilsbringer. „Jokowi ist einer von uns“, sagt Ria, die im Supermarktkomplex Blok M Uhren aus China verkauft. Wie jeder in Indonesien nennt sie den Präsidenten bei seinem Kurznamen.


In einfachsten Verhältnissen auf der Insel Java geboren, aufgewachsen mit wenig mehr als Hoffnung und Ambitionen, arbeitete sich Widodo zum Forstwirt und Möbelhändler hoch, wurde Bürgermeister der Stadt Solo, später Gouverneur von Jakarta. Und schließlich Präsident. „Es war wie ein Wunder“, sagt Ria. Auch der Westen war begeistert von diesem „indonesischen Obama“. Widodo war der erste Präsident, der nicht aus dem oft korrupten Machtfilz aus Politik, Militär und Wirtschaft stammte, der das Land seit Jahrzehnten im Klammergriff hatte. Er war ein Reformer, der aus seiner Heimatstadt eine Perle der Kultur und Wirtschaft gemacht hatte, und daran war, die Probleme des Molochs Jakarta anzupacken, als er in den Präsidentenpalast zog.

„Die Erwartungshaltung war enorm“, sagt ein langjähriger Indonesienbeobachter, „es muss nicht erstaunen, dass gewisse Leute enttäuscht sind vom scheinbar langsamen Fortschritt“. Kritik an Widodo kommt – meist verhalten – vor allem von ausländischen Investoren, denen der Reformkurs nicht schnell genug geht. Die dringlichsten Probleme des südostasiatischen Landes sind Zölle, Defizite in der Ausbildung, die an allen Ecken und Enden krächzende Infrastruktur und vor allem die träge, oft korrupte und für die Wirtschaft hinderliche Verwaltung,

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