Kommentar
Chinas schwache Industrie ist politisch gewollt

Die Schwerindustrie in China schwächelt weiter. Dafür wächst der Dienstleistungssektor. So hatte sich Peking den Strukturwandel vorgestellt. Aber die Transformation führt zu Verwerfungen.
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PekingNeue Daten aus China treiben die Sorgen um eine Schwäche der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt an. Zwei wichtige Frühindikatoren zeichnen ein düsteres Bild für Chinas Industrie: Die Börsen sackten zum Handelsauftakt ab. Dabei sind die Daten beim genauen Hinsehen nicht so dramatisch. Sondereffekte und der von Peking initiierte Strukturwandel treiben die schwachen Werte.

Ja, der Einkaufsmanagerindex (PMI) für das produzierende Gewerbe fiel laut Angaben des Statistikamtes in Peking auf den tiefsten Stand seit drei Jahren. Statt bei 50 Prozent im Vormonat lag er nur noch bei 49,7 Prozent und damit unter Analystenerwartungen. Ein Wert unter 50 zeigt einen Rückgang der Wirtschaft an.

Einkaufsmanagerindex des Wirtschaftsmagazins „Caixin“, der stärker private und mittelständische Unternehmen berücksichtigt, ging von 47,8 auf 47,3 Punkte zurück. Das ist der tiefste Stand seit mehr als vier Jahren.
Es besteht kein Zweifel darüber, dass Chinas Wirtschaft eine schwierige Phase durchläuft.

Aber die besonders schwachen Werte im August sind auch den Explosionen in Tianjin, einem der wichtigsten Häfen weltweit, und Pekings Anti-Smog-Plan zur Leichtathletik Weltmeisterschaft und der Militärparade zum 70 Jahrestag des Kriegsendes geschuldet. Tausende Fabriken wurden in und um Peking geschlossen.

Zudem ist der Rückgang in der energieintensiven und umweltschädlichen Schwerindustrie politisch gewollt. Peking will sein Wachstum auf eine nachhaltigere Bahn lenken. Deshalb wird der Dienstleistungssektor gezielt gefördert. Die Schwerindustrie war die Stütze von Chinas Aufstieg vom Entwicklungsland zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. In der künftigen Wirtschaftspolitik spielt sie jedoch nur noch eine untergeordnete Rolle.

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Langfristig ist initiierte Transformation auf Kurs

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  • Ganz ehrlich! Was ist eigentlich so schwierig mal einen Korrespondenten anzustellen, der nicht ein totaler mathematischer Analphabet ist? Das ist dem Herrn ja nicht mal mehr vorzuwerfen, da es ja Standard ist. Aber was ist an %-Rechnung denn so schwierig?

    Also: die Wirtschaft soll um 7 % wachsen. Die Industrie, die jahrelang der Wachstumsmotor war (also das große Volumen beinhaltet, was China zur angeblichen Volkswirtschaft Nr 2 gebracht hat) schwächelt. Wenn das jetzt ein andere Bereich auffangen soll, dann ist dieser aktuell sehr viel kleiner und müßte damit insgesamt 7 % rauskommen, plötzlich ein Wachstum von mindestens 50 % bis einige hundert % hinlegen! Und das genau zum richtigen Zeitpunkt...

    Noch was, ich will ja den Korrespondenten nicht geistig überfordern, aber bei einer solchen Faktenlage könnte man schon mal darüber nachdenken, ob das wirklich klappt, dass zwischen 2007 und 2014 sich die Verschuldung der chinesischen Wirtschaft von 7 Bio. auf 28 Bio. $ vervierfacht hat. Die Verschuldung von China ist mit 282 % des BIP also vergleichbar mit anderen Industrienationen, nur dass bei denen das gewachsene Strukturen sind, währen China einen Finanzboom in den letzten Jahren hingelegt hat. Bau, Infrastruktur und Ausrüstung machen 75 % der chinesischen Wirtschaftsleistung aus, die Frage ist, was passiert, wenn das sich das jetzt alles in sinnlosen Prachtbauten manifestiert.

    Dem Korrespondenten zu Gute halten möchte ich aber, dass er in einem Land arbeitet, in dem Journalisten verhaftet werden, wenn sie irgendetwas negatives sagen (siehe gestern, der angebliche Börsencrash war Schuld eine Journalisten!!! Hahaha!!!) Bevor man eingesperrt wird, würde ich auch lieber das erzählen, was die Regierung haben will. Die Frage ist, ob man in so einem Land dann einen Korrepondenten braucht?

  • Die Kommentare haben mehr Qualität als der Artikel, ein Rollentausch ist angesagt.

  • Der Rostgürtel im Nordosten von China, die frühere Mandschurei, war seltsamerweise schon immer vergleichsweise reformresistent. Das mag daran liegen, dass ein grosser Teil des militärisch-industriellen Komplexes dort sein Zuhause hat, aufgebaut aus der Hinterlassenschaft der japanischen Besatzer, damit einhergehend Schwerindustriegiganten wie China First, die staatlichen Stahlwerke Anshan, Dongbei, Fushun, Benxi, Petrochemie von Sinopec und Petrochina, Bahnbauer China Railway, u.v.a., die - anders als Ost- oder Südchina - vergleichsweise wenig Luft zum Atmen für Privatunternehmen lassen.

    Um den Nordosten voranzutreiben wurde ja u.a. ausländische Autobauer samt ihrer Zulieferer nach Shenyang und nach Changchun beordert, was aber auch dank dem Reformstillstand unter der vorherigen Regierung nicht zu dem gewünschten Mass an Befruchtung geführt hat.

    Dass die Schwerindustrie auf das Abstellgleis geschoben wird ist beileibe nicht der Fall, denn diese Industrie ist mission-critical um die weiterverarbeitenden, exportorientierten Unternehmen mit den weltbilligsten Basismaterialen und Maschinen zu versorgen. China hat dazu ein raffiniertes System geschaffen, das die Rohstoff- und Vorproduktpreise im Inland niedriger als auf dem Weltmarkt hält.

    Das Hauptproblem bei der Schwerindustrie und auch im Bergbau liegt bei den teils gigantischen Überkapazitäten in China, die in der schnellen Wachstumsphase beinahe unkontrolliert aufgebaut wurden, mit grosser Unterstützung von Lokalregierungen, denn Schwerindustrieunternehmen schieben grosse Umsätze, die viel MwSt in die Kassen von lokalen Finanzbehörden spülen und nebenher noch stark zur Beschäftigung beitragen, ganz abgesehen vom steigenden lokalen BIP, das bisher für Lokalbürokraten immer sehr beförderungswirksam war.

    Es gibt in Peking Pläne Kapazitäten zu reduzieren, zu modernisieren und zu verschlanken, die aber bisher gegen verschiedene Widerstände nicht durchsetzbar sind.

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