Mittelmäßige Wachstumsmärkte
Geht den Schwellenländern die Puste aus?

Viele Industrie- und Schwellenländer leiden unter einer chronischen Wachstumsschwäche. Die Hoffnung liegt auf der digitalen Revolution. Doch die lässt auf sich warten.
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BerlinDer Weltwirtschaft fehlt eine Wachstumsstory. Ende der 90er-Jahre wurden die Wachstumshoffnungen von den Fantasien der amerikanischen Internetpioniere beflügelt. Dann sorgte der ebenso konsumfreudige wie kredithungrige US-Verbraucher für hohe Drehzahlen des globalen Konjunkturmotors. Nach der großen Finanzkrise bestand die Wachstumsstory nur noch aus einem Wort: China.

Und jetzt? Die Volkswirtschaften der Euro-Zone stagnieren. Die US-Wirtschaft ist in den ersten drei Monaten 2015 sogar geschrumpft. Japan erholt sich mühsam von der vierten Rezession in den vergangenen zehn Jahren. China hat alle Mühe, sein reduziertes Wachstumsziel von sieben Prozent zu halten.

Schlimmer als diese Konjunkturschwächen ist jedoch, dass die langfristigen Wachstumskräfte erlahmen. "Das Wachstumspotenzial geht in vielen Ländern zurück, und das drückt auf die Stimmung, schwächt die Nachfrage und bremst so die wirtschaftliche Entwicklung", warnt IWF-Chefökonom Olivier Blanchard. Er wünscht sich eine höhere Produktivität. Doch von der digitalen Revolution, die die nächste Wachstumsstory liefern soll, ist noch wenig zu sehen.

Mitten hinein in diese Tristesse kommt nun noch die Zinswende in den USA. Zwar hat die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) die Zinsschraube noch nicht auf ihrer Sitzung am letzten Mittwoch angezogen. Aber für September rechnen die meisten Ökonomen mit der ersten Leitzinserhöhung in Amerika seit Juni 2006. "Wir raten insbesondere den Schwellenländern, sich anzuschnallen", sagt Kaushik Basu, Chefökonom der Weltbank. "Es wäre besser, die Fed würde die Zinserhöhung auf das nächste Jahr verschieben."

Viele Schwellenländer könnte eine Zinserhöhung in den USA wie ein Schock treffen. Denn der Boom in Asien und Südamerika wurde zum großen Teil mit Kapital aus den Industrienationen finanziert. Wenn aber die Renditen in den USA steigen und das Wachstum in den Emerging Markets nachlässt, werden viele Anleger ihr Geld zurückholen. "Das schwache Wachstum würgt die Kapitalzuflüsse in die Schwellenländer ab", sagt Charles Collyns, Chefökonom des Institute for International Finance (IIF). Im ersten Quartal 2015 flossen nur noch 150 Milliarden Dollar in die Emerging Markets, das ist der niedrigste Stand seit sechs Jahren.

Eine Besserung ist vorerst nicht in Sicht. Gerade hat die Weltbank ihre Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft auf nur noch 2,8 Prozent in diesem Jahr gekürzt - und das trotz Anschubhilfe durch die niedrigen Ölpreise. "Es handelt sich um eine strukturelle Schwäche", warnen die Weltbank-Ökonomen. Mit anderen Worten: Dies ist keine Atempause, sondern es ist Sand im Getriebe der bisherigen Wachstumsmotoren. Besonders deutlich sieht man das in Schwellenländern wie Brasilien, Russland, Indonesien und der Türkei, wo sich die Konjunkturaussichten zum Teil dramatisch eingetrübt haben.

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