Nirmala Sitharaman
„Indien kann sich um die ganze Welt kümmern“

Forschung und Entwicklung, Tourismus, Wellness, Yoga: Die indische Wirtschaftsministerin über die Wachstumsstrategie ihres Landes, Frauen in Top-Positionen und den Wettbewerb mit China.
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Der sanfte Händedruck sollte nicht darüber hinwegtäuschen: Die 55 Jahre alte Ökonomin Nirmala Sitharaman ist äußerst selbstbewusst - auch was Indiens Stellung in der Welt angeht.

Frau Sitharaman, Indien will seinen Industriesektor stärken. Hat die Strategie nicht funktioniert, gleich vom Agrar- auf den Servicesektor zu springen?
Indien hat sich der Welt durch die Liberalisierung 1991 geöffnet. Seither wuchs der Dienstleistungssektor rasant mit wenig Unterstützung der Regierung, vor allem bei IT- und IT-gestützten Dienstleistungen. Zehn, fünfzehn Jahre später machten Dienstleistungen 50 Prozent unserer Wirtschaftsleistung aus. Im verarbeitenden Sektor hingegen sanken Produktivität und der Beitrag zur Wirtschaftsleistung auf 13 bis 14 Prozent. Dieser Sektor kann sich enorm verbessern.

Also voller Fokus darauf?
Wir wollen auch Dienstleistungen über die IT hinaus stärken. Forschung und Entwicklung, Tourismus, Wellness, Yoga. Aber der verarbeitende Sektor braucht unsere volle Unterstützung, um die Arbeitskräfte aus der für Indien immer noch wichtigen Landwirtschaft aufzufangen und die Rohstoffe aus dem Agrarsektor oder Bergbau zu verarbeiten. Dann kann er seinen Anteil an der Wirtschaft 2022 auf 25 Prozent steigern.

Indiens Wachstumsmodell unterscheidet sich von dem anderer Staaten in Asien. Ist das komplizierter, weil sie keinen Vorreiter haben?
Bestimmt. Aber ich würde nicht sagen, dass das ein Problem für uns ist. Ich glaube sogar, es ist besser, dass wir kein Vorbild haben, denn Indien hat besondere Herausforderungen. Wir sind eine sehr alte Wirtschaft mit einer enorm jungen Bevölkerung - über 60 Prozent sind unter 35 Jahre alt. Die jungen Leute sind gut ausgebildet und brauchen Jobs, die ihrer Qualifikation entsprechen. Wir brauchen ein Wachstumsmodell, das zu uns passt, bei dem die Wirtschaft autark bleibt und die Landwirtschaft die Bevölkerung weiter ohne Importe ernähren kann. Auch der Agrarsektor kann profitabel gestaltet werden.

Sie werben mit einer großen Kampagne für Direktinvestitionen in Indien. Wächst der Wettbewerb mit China und Südostasien?
China hat verstanden, dass Indien in gewisser Hinsicht weit überlegen ist, etwa was die Qualität angeht. Die FDA, die Zulassungsbehörde für Arzneimittel in den USA, zertifiziert mehr Pharmaprodukte aus Indien. Und fragen sie irgendeinen deutschen Autobauer: Sie ziehen Teile aus Indien vor, weil die Qualität vergleichbar ist. Ebenso bei Textilien. Natürlich hat China noch einen Wettbewerbsvorteil in der Massenproduktion. Aber ich weiß nicht, wie nachhaltig dieser ist, denn die Arbeit wird teuer in China, der Anteil der jungen Bevölkerung schrumpft. Chinesische Unternehmen selbst überlegen, ihre Produktionsbasen woandershin zu verlagern.

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