Produktpiraterie „Gefälscht wird alles, was Profit verspricht“

Geklautes Design, gefakte Markenlogos: Durch Fälschungen entsteht deutschen Unternehmen ein Schaden von etwa 56 Milliarden Euro im Jahr. Patentschutz-Experte Volker Bartels gibt Tipps, wie sich Firmen schützen können.
Den Negativ-Preis „Plagiarius“ erhielt in diesem Jahr ein Brillenhersteller aus Rathenow (Brandenburg) für eine gefälschte Fassung (oben). Unten zu sehen ist das Originalmodell „Arles“ von der Meyer Brillenmanufaktur Saarbrücken. Quelle: dpa
Preisgekröntes Plagiat

Den Negativ-Preis „Plagiarius“ erhielt in diesem Jahr ein Brillenhersteller aus Rathenow (Brandenburg) für eine gefälschte Fassung (oben). Unten zu sehen ist das Originalmodell „Arles“ von der Meyer Brillenmanufaktur Saarbrücken.

(Foto: dpa)

Deutsche Markenprodukte sind häufig Opfer von Plagiatoren. Im Aktionskreis gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM) haben sich betroffene Unternehmen zusammengetan, um die internationale Fälschermafia zu bekämpfen. Der Vorsitzende des APM, Volker Bartels, erzählt, mit welchen Tricks die Plagiatoren arbeiten und wie sie sich in Schranken halten lassen.

Herr Bartels, die Fälschmafia scheint immer dreister zu werden. Wie äußert sich diese Unverfrorenheit?
Die Fälscher sind in den letzten Jahren tatsächlich immer dreister geworden. Inzwischen gibt es ganze Geschäfte im nachgemachten Markendesign. Es wird also nicht nur das Produkt, sondern auch der Markenauftritt in der Öffentlichkeit gefälscht.

So wie komplett gefakte Apple Stores in China oder eine kopierte Filiale der Drogeriemarktkette dm...
Auch falsche Internetseiten werden von den Fälschern so gestaltet, als würden sie vom Originalhersteller stammen. Kurioserweise werden auf den Webseiten dann auch noch Fälschungen anderer Marken angeboten. Als Kontaktdaten und als Adresse für Reklamationen werden Daten ahnungsloser Dritter angegeben, die sich dann mit verärgerten Kunden konfrontiert sehen.

Der Vorsitzende des Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM) sagt: „ Das Internet hat den Vertrieb von Fälschungen zum Kinderspiel gemacht.“ Quelle: Sennheiser
Volker Bartels

Der Vorsitzende des Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM) sagt: „Das Internet hat den Vertrieb von Fälschungen zum Kinderspiel gemacht.“

(Foto: Sennheiser)

Welche Branchen sind denn betroffen?
Inzwischen sind beinahe alle Branchen betroffen. Die Klassiker sind sicherlich die Schuh- und Bekleidungsindustrie. Auch Modeschmuck und Accessoires wie Taschen, Uhren, Sonnenbrillen, Kopfhörer sowie Parfum und selbst Medikamente werden nach wie vor gerne gefälscht. Dass aber selbst günstige Körperpflegeprodukte, elektrische Haushaltsgeräte und einzelne Bauteile – vom Radlager bis zum Halbleiter für industrielle Großanlagen – gefälscht werden, ist vielen gar nicht bewusst. Und die vorgeschriebenen Prüfzeichen werden gleich mitgefälscht.

Hat der Internethandel dem Fälschermarkt einen Schub gegeben?
Das Internet hat den Vertrieb von Fälschungen zum Kinderspiel gemacht. Vielfach werden die Plagiate heute direkt aus den Herstellungsländern an die Endkunden verschickt. Das erschwert die Rechtsdurchsetzung, da die Absender im Ausland sitzen und oft anonym bleiben. Anstatt ganzer Container kommen die Fälschungen oft als Einzelsendung ins Land, was den Zoll auf Grund der großen Menge vor eine riesengroße Herausforderung stellt.

Die dreistesten Plagiate des Jahres
Der „Plagiarius“
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Am 12. Februar wurde auf der Frankfurter Konsumgütermesse „Ambiente“ zum 40. Mal der „Plagiarius“ verliehen. Der Preis adelt die besonders dreisten Unternehmen, die sich mit Plagiaten einen goldene Nase verdienen (daher auch die goldene Nase beim Zwerg). Ziel des Vereins ist es Produktpiraten, an den Pranger zu stellen und unseriöse Geschäftspraktiken ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Kronleuchter „Stilio“
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Sehen Sie den Unterschied? Links ist das Original des Düsseldorfer Leuchtherstellers Licht im Raum Dinnebier. Designt wurde der Kronleuchter von Daniel Klages. Rechts sehen Sie das Plagiat. Es kommt aus China – wie fast alle ausgezeichneten Produktpiraten. Der nachgeahmte Kronleuchter wird von Zhongshan Henglan Marsden Lighting angeboten. Der Vertrieb läuft über diverse Alibaba-Anbieter und AliExpress. Besonders dreist: In der Produktbeschreibung wird er als „Stilio-Leuchter“ mit dem Hinweis „Johannes Dinnebier Design“ angeboten.

Links Original: Licht im Raum Dinnebier, Düsseldorf,. Design: Daniel Klages
Rechts Plagiat: hongshan Henglan Marsden Lighting, Guangdong, China
Vertrieb: die Plagiate werden über diverse Anbieter über Alibaba und AliExpress angeboten als „Stilio-Leuchter“ mit Hinweis „Johannes Dinnebier Design“
Entdeckt: Event-Gastronomiekette in Deutschland (über Facebook)

Standventilator „Dyson Air Multiplier AM03“
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Dyson ist vor allem für seine beutellosen Staubsauger bekannt. Doch das britische Unternehmen bietet auch Ventilatoren an – und die scheinen einfacher zu kopieren sein. Hergestellt wird der Plagiat-Ventilator in China.

Links Original: Dyson, Malmesbury, Großbritannien / Dyson GmbH, Köln.
Rechts Plagiat: Herstellung: China
Vertrieb: Deutschland, Online-Anbieter, Name unbekannt

Flexible Kehrgarnitur „Flexi“
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Bei der flexiblen Kehrgarnitur „Flexi“ scheinen die Nachahmer aus China die Patentrechte ebenfalls flexibel ausgelegt zu haben. Die Unterscheide zwischen den beiden Produkten sind so minimal, dass man eigentlich fast schon von einer Fälschung sprechen kann.

Links Original: Haug Bürsten, Königsbrunn, Deutschland
Rechts Plagiat: Hangzhou Gonglian Import and Export, Hangzhou, China
Vertrieb: Deutschland, Shop für Sonderposten

Boden- und Möbelschoner „Der Möbelschuh für Flüstermöbel“
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Die Farbe der Boden- und Möbelschoner ist unterschiedlich – und der Rest? Sehen Sie wohl selbst. Und wer hat's hergestellt? Können Sie sich vermutlich denken.

Links Originale: Formpartner UG, Hannover.
Rechts Plagiate: Hebei Huaxing Felt, Hebei, China

Küchenhelfer „Tupper Turbo-Chef“
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Die Kopie dieser Tupperware ging den Gesetzgebern dann doch zu weit. Einem deutschen Handelsunternehmen wurde das Anbieten und der Vertrieb dieser Plagiate per einstweiliger Verfügung untersagt. Das Unternehmen hat die Restbestände vom Markt genommen und musste sie vernichten.

Links Original: Tupperware Deutschland, Frankfurt
Rechts Plagiat: Herstellung und Export: China

Sonderpreis „Fälschung“: Winterweste „e.s. vision“ von Engelbert Strauss
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Gerade statt quer verlaufende Taschenreißverschlüsse, das Emblem auf der anderen Seite und gerade statt geschwungene Nähte – die Unterschiede zwischen der Original-Winterweste von Engelbert Strauss (links) und der Kopie (rechts) sind so gering, dass man von weitem keinen Unterschied zwischen den beiden Westen erkennen kann. Die Jury vergab an die Weste daher den Sonderpreis „Fälschung“.

Links Original: Engelbert Strauss, Biebergemünd.
Rechts Fälschung: Vertrieb: Deutschland, Flohmarkt-Händler, Name unbekannt

Viele kleine und mittelständische Hersteller meinen, weil sie nicht nach Fernost vertreiben, seien sie von Fälschungen nicht betroffen. Ein Irrglaube?
Das ist ein gefährlicher Denkfehler. Sicherlich ist die Geschäftstätigkeit in Fernost ein gewisser Risikofaktor. Ist das Produkt dort bekannt, wird es möglicherweise schneller gefälscht. Aber die Welt ist in dieser Beziehung deutlich kleiner geworden. Die Fälscher sind sehr gut darüber informiert, ob ein Produkt in Europa oder Amerika erfolgreich ist. Auf Messen sehen sich auch Fälscher gerne die neuesten Entwicklungen an. Und gefälscht wird schließlich alles, was Profit verspricht.

Wie können sich deutsche Unternehmen im Vorfeld am besten schützen?
Eine erfolgreiche Schutzstrategie beginnt mit der Sicherung der eigenen Schutzrechte, denn ohne diese ist ein Vorgehen gegen Nachahmungen kaum möglich. Die Registrierung der Marken, Designs und Patente sollte im eigenen Land und auf allen relevanten Verkaufsmärkten erfolgen – also auch im Ausland und bei Geschäftstätigkeit in China zum Beispiel in chinesischer Schrift. Die entsprechenden Internet-Domains sollten allein schon für die eigene Internetpräsenz gesichert werden. Aufgrund der zahlreichen Variationsmöglichkeiten ist ein 100-prozentiger Schutz vor Fälschungswebsites aber kaum zu erreichen.

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