Thyssen-Krupp

Was hinter dem Stahlwerk-Deal in Brasilien steckt

Eigentlich will Thyssen-Krupp sein desaströses Abenteuer in Brasilien beenden. Doch nun übernimmt der Ruhrkonzern auch noch die Anteile des Partners Vale am dortigen Stahlwerk CSA. Was steckt dahinter?
Update: 05.04.2016 - 10:27 Uhr
Der deutsche Konzern will das Stahlwerk in Brasilien komplett übernehmen. Quelle: Reuters
Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger im Werk CSA

Der deutsche Konzern will das Stahlwerk in Brasilien komplett übernehmen.

(Foto: Reuters)

EssenDer Industriekonzern Thyssen-Krupp will sich künftig allein um die Zukunft seines brasilianischen Problem-Stahlwerks CSA kümmern. Das Unternehmen verständigte sich mit dem Rohstoffriesen Vale auf die Übernahme von dessen knapp 27-prozentigem Anteil an der Anlage in Santa Cruz nahe Rio de Janeiro. Als Gegenleistung sei ein „symbolischer Kaufpreis“ von einem Dollar vereinbart, teilte Thyssen-Krupp am späten Montagabend in Essen mit.

An der Börse wurde das Geschäft mit Skepsis aufgenommen. Zum Handelsstart am Dienstag verlor die Thyssen-Krupp-Aktie rund 3,5 Prozent an Wert und war damit Schlusslicht im Dax.

Der Schritt scheint auf den ersten Blick paradox, denn eigentlich will sich Thyssen-Krupp schon seit Jahren von der brasilianischen Tochtergesellschaft trennen. Doch Vale hat dem Essener Konzern keine Wahl gelassen: Der weltgrößte Eisenerz-Konzern steht wegen der stark rückläufigen Rohstoffpreise erheblich unter Druck und wollte seinen Anteil an CSA gerne loswerden. Die Brasilianer wollen sich stärker auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und waren daher auch zu erheblichen Konzessionen bereit. Gleichzeitig werden alle Nutzungs- und Lieferverträge aufgehoben. Allein der Vertrag über die Belieferung von Eisenerz wird verlängert, „zu sehr günstigen Konditionen“, wie Thyssen-Krupp mitteilte.

Der Ausflug nach Amerika mit dem Bau zweier Werke in Brasilien und den USA stand für den Ruhrkonzern von Beginn an unter einem schlechten Stern. Rund zwölf Milliarden Euro kostet das missglückte Abenteuer und brachte den Traditionskonzern zwischenzeitlich an den Rand des Ruins.

Brasilien wird zum großen Problemfall
Präsidentin Dilma Rousseff
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Brasilien: Als Mitglied des G20-Clubs der führenden Industrie- und Schwellenländer und zugleich der Top-Schwellenländer-Gruppe Brics tat sich der Aufsteiger häufig als Kritiker der großen Industrieländer hervor - etwa in der Geld- und Finanzpolitik. Im Internationalen Währungsfonds (IWF) rückte das Land kürzlich zu einem der zehn wichtigsten Anteilseigner auf. Inzwischen steckt Brasilien aber in der tiefsten Rezession seit mehr als 100 Jahren und ist zu einem der größten ökonomischen und politischen Sorgenkinder in der Welt geworden. Und wegen Korruptionsvorwürfen wächst der Druck auf Präsidentin Dilma Rousseff. Ihr droht ein Platzen der Regierungskoalition und ein Amtsenthebungsverfahren.

Besetztes Hochhaus in Sao Paulo
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Die Momentaufnahme ist für Brasilien desaströs. Die Zahl der Arbeitslosen stieg Ende Januar dem Statistikamt IBGE zufolge auf einen Langzeit-Rekord von 9,6 Millionen Menschen - eine Zunahme von 42 Prozent binnen eines Jahres. Fast zehn Prozent der erwerbsfähigen Brasilianer ist inzwischen nach offiziellen Zahlen ohne Job. Die Inflation stieg im vergangenen Jahr über die Zehn-Prozent-Marke, während die Notenbank versucht, mit höheren Zinsen die Teuerung zu dämpfen.

Wirtschaft liegt tief im Tal
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Bei der jüngsten Revision der IWF-Wachstumsschätzungen war Brasilien eines der Länder, bei dem die Prognosen am stärksten zurückgenommen wurden - und zwar um rund zweieinhalb Prozentpunkte für dieses und das nächste Jahr. Inzwischen rechnet der Fonds im laufenden Jahr mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 3,5 Prozent, fast so viel wie im Vorjahr mit 3,8 Prozent. Und ob das Land im kommenden Jahr zumindest die Null-Linie schafft, wie vorausgesagt, hält selbst der IWF für alles andere als gesichert.

Container in Buenos Aires
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Zugleich stützte der Staatshaushalt im vorigen Jahr auf ein Defizit von fast acht Prozent ab. Die Ratingagentur Moody's und andere Finanzbewerter stuften die Kreditwürdigkeit des Landes auf Ramsch-Niveau herab. Ausländische Investoren, wie die Opel-Mutter General Motors, überdenken inzwischen Großvorhaben in dem Land.

Dilma Rousseff und Vize-Präsident Michel Temer
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Die Probleme für die linke Präsidentin Rousseff werden derweil immer dunkler und drohen das Land auch politisch in den Abgrund zu stürzen. Inzwischen hat auch die brasilianische Anwaltskammer OAB ein Amtsenthebungsverfahren gegen sie beantragt. Dabei läuft schon eines, weil Rousseff gegen Haushaltsregelung verstoßen haben soll.

Politische Krise befeuert den Niedergang
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Darüber hinaus stehen sie und viele ihrer prominenten Wegbegleiter aus ihrem Umfeld wie ihr Vorgänger Luiz Inacio Lula da Silva unter massivem Korruptionsverdacht. Dabei war Rousseff 2010 und mehr noch 2014 gerade von vielen der Armen im Land mit großen Hoffnungen in ihr Amt gewählt worden. Diese reagieren aber nun umso enttäuschter.

Demonstration gegen Rouseff
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Das Rezept, mit internationalen Großereignissen, wie der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen im August die wachsende Protestwelle einzudämmen, funktioniert offenbar nicht mehr. Schlimmer noch...

Vor allem der Bau von CSA war immer wieder von Verzögerungen und einer Kostenexplosion überschattet. Seit dem Start 2010 gab es dann immer wieder Verluste und technische Probleme. Das Werk in Alabama in den Südstaaten der USA ist mittlerweile verkauft, auch CSA stellt Thyssen-Krupp-Finanzchef Guido Kerkhoff bei jeder sich bietenden Gelegenheit ins Schaufenster – allein es fehlt an potenziellen Käufern.

Das hat viel mit der augenblicklich desaströsen Marktsituation zu tun. Die Stahlpreise sind weltweit im Keller, Aussichten auf schnelle Besserung gibt es kaum. Hart erwischt hat es zudem die Konjunktur in Brasilien, einem der Hauptabsatzmärkte von CSA. Das spiegelt sich auch in den Zahlen der Thyssen-Krupp-Tochter wieder. Auch wenn sich das Werk operativ der Nulllinie nähert – im vergangenen Jahr schrieb CSA wieder rote Zahlen. Vor allem wechselkursbedingt stand unter dem Strich ein Minus von knapp 140 Millionen Euro. Auch im laufenden Jahr dürfte CSA kaum besser abschneiden.

Konzern sieht neue Handlungsoptionen
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