Umschwung Wirtschaft der Schwellenländer im Abwärtssog

Eben noch auf Erfolgsspur, haben Entwicklungsländer wirtschaftlich zunehmend zu kämpfen. Auslöser der Probleme sind unter anderem sinkende Rohstoffpreise. Vor allem China wird für den Umschwung verantwortlich gemacht.
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Die chinesische Wirtschaft kühlt sich radikaler ab als es die meisten Beobachter nach den zweistelligen Zuwachsraten Mitte der 2000er Jahre erwartet hatten. Quelle: dpa
Börse in China

Die chinesische Wirtschaft kühlt sich radikaler ab als es die meisten Beobachter nach den zweistelligen Zuwachsraten Mitte der 2000er Jahre erwartet hatten.

(Foto: dpa)

WashingtonDie Einbußen sind global. Es trifft den thailändischen Baht ebenso wie den kasachischen Tenge, den südafrikanischen Rand wie den peruanischen Nuevo Sol: In Schwellenländern sind die Währungen auf Talfahrt. Hintergrund ist die Befürchtung, dass die sich entwickelnden Volkswirtschaften am Rand eines Absturzes stehen. Bis vor kurzem noch erfolgsverwöhnt, gelten sie nun als Opfer langsameren Wachstums in China, sinkender Rohstoffpreise und der Aussicht auf steigende Zinsen in den USA.

Auch die Börsen in New York, Tokio und Europa sind in Unruhe. Die Investoren dort befürchten, dass China und andere wichtige Schwellenländer ihre Importe drosseln. Und sie befürchten einen Währungskrieg mit Auswirkungen auf den Handel. Denn einige Länder, beispielsweise China, werteten bereits ihre Währung ab, um einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Ihre Waren werden dann im Ausland günstiger. An der New Yorker Börse fiel der Dow-Jones-Index im vergangenen Monat um mehr als 6,5 Prozent.

Chinas Konzerne fliegen auf Frankfurt
Chinesen vor der Frankfurter Börse
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Für chinesische Investoren ist der Großraum Frankfurt erstmals die beliebteste Region in Europa – gleichauf mit London. Beide Regionen sicherten sich jeweils 27 Direktinvestitionen aus dem Reich der Mitte. Düsseldorf liegt auf Rang drei mit 15 Projekten. Das belegen Berechnungen der Unternehmensberatung EY.

Mehr zum Thema im Artikel „Deutschland, Märchenland“.

Bank of China
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Chinas große Staatsbank wählte Frankfurt als Drehscheibe für Geschäfte mit der chinesischen Landeswährung. Kunden aus Deutschland können ihre Transaktionen in Yuan schneller und kostengünstiger als früher abwickeln.

Fosun
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Chinas große Beteiligungsgesellschaft sieht sich als der „Warren Buffett von China“ und ist auf Einkaufstour in Deutschland. Fosun ist an der BHF Bank und mit knapp 20 Prozent an deren Muttergesellschaft BHF Kleinwort Benson beteiligt. Jetzt streben die Chinesen eine Mehrheitsbeteiligung an.

Fosun
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Die traditionsreiche Frankfurter Privatbank Hauck & Aufhäuser kommt in chinesische Hände. Fosun übernimmt zunächst 80 Prozent der Anteile der Bank, die bisher vor allem deutschen Unternehmern und reichen Familien gehörten. Damit geht zum ersten Mal eine deutsche Bank an einen Mehrheitseigentümer aus China.

Shenyang Machine Tools
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Chinas größter Werkzeugmaschinenhersteller eröffnete in Frankfurt seinen ersten Showroom in Europa. Hier können sich Kunden und Geschäftspartner live an den Maschinen über deren Leistung informieren.

Zhongwang Aluminium Group
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Chinas größter Alu-Hersteller ließ sich mit einer Tochtergesellschaft ebenfalls in Frankfurt am Main nieder. Aus dem Vertriebsbüro soll mittelfristig ein Forschungs- und Entwicklungszentrum entstehen.

Crown Tyre
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Der chinesische Reifenhersteller eröffnete eine Filiale in Frankfurt. Von dort aus will sich Crown Tyre um den gesamten europäischen Markt kümmern.

Viele Experten halten die US-Wirtschaft für widerstandsfähig genug, einem Abschwung in den Entwicklungsländern standzuhalten. Auch Europa scheint kaum gefährdet. Dennoch sind die Probleme in den Schwellenländern ein überraschender und beunruhigender Umschwung. „Es ist bemerkenswert, wie schnell die Wende kam“, sagt Neil Shearing, Ökonom bei Capital Economics und früherer Mitarbeiter des britischen Finanzministeriums.

Zum Beispiel Peru: Erst vor drei Jahren wurde die peruanische Hauptstadt Lima als Gastgeber eines Treffens des Internationalen Währungsfonds (IWF) auserkoren. Dies wurde als Würdigung der Tatsache gewertet, dass Lateinamerika in der Spitzenliga der Weltwirtschaft angekommen ist. Doch nun, da die Veranstaltung in sechs Wochen bevorsteht, sieht die Perspektive für Lateinamerika düster aus. Die Wirtschaft Perus schwächte sich zuletzt stetig ab, der Kurs des Nuevo Sol fiel gegenüber dem Dollar im vergangenen Monat um 2,5 Prozent.

Dabei zählt die peruanische Wirtschaft zu den gesündesten der Region. In Brasilien dürfte die Wirtschaft in diesem und im kommenden Jahr schrumpfen. Der Real fiel im vergangenen Monat um sieben Prozent und in den vergangenen zwei Jahren um mehr als 30 Prozent. Und es trifft nicht nur Lateinamerika: Die kasachische Währung stürzte in der vergangenen Woche ab, nachdem die Regierung die Freigabe des Wechselkurses beschlossen hatte. Der südafrikanische Rand fiel vergangene Woche auf ein 14-Jahres-Tief gegenüber dem Dollar, die türkische Lira erreichte ein Rekordtief zum Dollar.

Schwellenländer auch mit eigenen Problemen

Hung Tran vom Institut für Internationale Finanzen (IIF) in Washington erwartet für Entwicklungsländer in diesem Jahr ein Wachstum von höchstens 3,8 Prozent nach 4,3 Prozent 2014. Experten sehen vor allem China als Auslöser. „Brasilien, Südafrika, viele Länder sind Rohstoffexporteure, und als endgültiger Bestimmungsort geht alles nach China“, sagt Masamichi Adachi von JP Morgan Chase in Tokio.

Die chinesische Wirtschaft kühlt sich radikaler ab als es die meisten Beobachter nach den zweistelligen Zuwachsraten Mitte der 2000er Jahre erwartet hatten. Das Wachstum der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft dürfte in diesem Jahr bei sieben Prozent liegen, so niedrig wie zuletzt 1990. Peking versucht gerade, den Übergang von schnellem, exportbasiertem Wachstum zu einer auf Konsum gestützten langsameren und beständigeren Expansion zu schaffen. Dies bedeutet, dass China dann weniger Rohstoffe benötigt - chilenisches Kupfer, nigerianisches Öl, brasilianisches Eisenerz. Die Folge: sinkende Rohstoffpreise. Der Commodity-Index GSCI von Standard & Poor's, der die Preise von 24 Rohstoffen abbildet, ist in diesem Jahr um fast 20 Prozent gesunken.

Wo China Milliarden investiert
China wird aktiv
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Projekt Europa: Im Jahr 2013 lagen die chinesischen Direktinvestitionen in der EU bei 25,5 Milliarden Euro. Die Europäer engagierten sich ihrerseits mit 172,7 Milliarden Euro in der Volksrepublik.

Milliarden für Europa
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Die Wirtschaft zeigt sich erfreut über die Pläne der Chinesen. "Dass China jetzt verstärkt in Europa aktiv werden möchte, ist ein gutes Zeichen und deutet auf eine allmählich wieder steigende Attraktivität unserer Wirtschaftsstandorte hin", sagt DIHK-Mann Treier. China habe hohe Kapitalüberschüsse angehäuft, die das Land jetzt anlegen möchte; in Europa hingegen mangele es an Kapital und Investitionen. Einer Studie von Ernst & Young zufolge sind chinesische Firmen 2014 bei den Direktinvestitionen in Europa an den Japanern vorbei auf Platz fünf vorgerückt. Mit 210 Projekten haben sie ihr Engagement um rund 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesteigert. Aber auch jenseits von Europa investiert Peking derzeit Milliarden...

Nicaragua
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So schön wie in Panama: Etwa 278 Kilometer lang und rund 50 Milliarden Dollar teuer - der Kanal durch Nicaragua ist eines der größten Infrastrukturprojekte, ein Triumph für Präsident Daniel Ortega und für China eine Alternative zum von den USA dominierten Panamakanal. Hauptinvestor ist Wang Jing (im Bild links), Chef der Telekomfirma Beijing Xinwei Telecom Technology Corporation. Er bestreitet, dass auch staatliches Geld aus China für die 50 bis 100 Jahre Betriebskonzession im Spiel sei. Ende 2014 war Baubeginn.

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Ob der Betrieb wirklich 2020 starten kann, bleibt abzuwarten. Umstritten sind die Umweltfolgen - ebenso wie bei der 5300 Kilometer langen Bahnlinie, die Südamerikas Atlantikseite in Brasilien mit der Pazifikseite in Peru verbinden soll. Investor ist unter anderem ein Investitionsfonds der chinesischen Staatsbanken.

Griechenland
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Die Investition gilt als Vorbild: Für mehr als vier Milliarden Euro hat sich das chinesische Transportunternehmen Cosco die Konzession für den Betrieb eines großen Teils des Hafens von Piräus über 35 Jahre gesichert. Für Cosco rechnete sich die Investition schnell. Der Hafen soll zum größten Umschlagplatz für chinesische Containerschiffe im Mittelmeerraum werden. Athen will nun die Mehrheit am Hafen verkaufen. Cosco gilt als Favorit.

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Jetzt ist die Luftfahrt an der Reihe. Peking möchte sich durch den Ausbau des Athener Flughafens zu einem Drehkreuz für Passagiermaschinen der Volksrepublik eine Tür in den innereuropäischen Flugmarkt öffnen. Hier haben chinesische Airlines kaum Flugrechte. Selbst der Einkauf in eine griechische Fluggesellschaft ist nicht ausgeschlossen.

Nigeria
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Mit fast zwölf Milliarden US-Dollar ist es das größte Infrastrukturprojekt, das die Chinesen in Afrika stemmen: Rund 1400 Kilometer lang ist die Strecke von Nigerias Hauptstadt Lagos bis zur Grenze im Osten zu Kamerun. Es baut der staatliche chinesische Eisenbahnkonzern China Railway Construction Corporation (CRCC). Er verspricht, während der Bauphase 200.000 Stellen in Nigeria zu schaffen, nach Betriebsbeginn 30.000.

Zusätzlich haben viele Schwellenländer mit eigenen Problemen zu kämpfen. In Südafrika streiken Bergarbeiter, Brasilien hat es mit einem Korruptionsskandal beim staatlichen Ölkonzern Petrobras zu tun. Die Türkei steht vor einer Neuwahl und kämpft gegen kurdische Separatisten und die Terrormiliz Islamischer Staat. Hinzu kommt, dass die US-Notenbank möglicherweise bereits im September die Zinsen erhöht. Investoren könnten dann noch mehr Geld aus Schwellenländern abziehen, um von den höheren Zinsen zu profitieren. Dies triebe den Dollar noch weiter in die Höhe und die Währungen der Schwellenländer nach unten.

Zudem haben viele Unternehmen in Schwellenländern Kredite in Dollar aufgenommen. Laut Tran vom IIS stieg die Kreditaufnahme durch solche Unternehmen von 700 Milliarden Dollar 2010 auf zwei Billionen bis März dieses Jahres. Doch im Vergleich zur Finanzkrise in Asien 1997 und 1998, der ähnliche Gründe zugrunde lagen, haben Entwicklungsländer nach Einschätzung von Experten einen größeren Vorrat an Währungsreserven angelegt, mit denen sie nun ihre eigene Währung stützen und eine Krise abwenden können.

Und die Firmen hätten langfristige Kredite aufgenommen, betont Joaquin Cottani, Chefökonom für Lateinamerika bei Standard & Poor's. Bei der Krise in Asien waren kurzfristige Kredite betroffen, die die Unternehmen bei Fälligkeit nicht refinanzieren konnten. „Die Länder haben aus ihren Erfahrungen gelernt“, sagt Monica de Bolle vom Peterson-Institut für internationale Wirtschaft in Washington.

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