Wachstumsmärkte

Die neue Globalisierung

Die glorreichen Zeiten der Schwellenländer sind vorbei. Wo die neuen Wachstumsmärkte liegen und welche Rolle deutsche Firmen im Ausland in Zukunft erfüllen müssen.
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Ein Arbeiter säubert das Foyer des CIA-Hauptquartiers in Washington. Nordamerika und Europa gewinnen wieder an Bedeutung. Quelle: dpa
Wachstumsmarkt USA

Ein Arbeiter säubert das Foyer des CIA-Hauptquartiers in Washington. Nordamerika und Europa gewinnen wieder an Bedeutung.

(Foto: dpa)

BerlinNordamerika und Europa im lichtdurchfluteten Foyer, Asien im dunkleren Nebenraum – die Aufteilung der Repräsentanten der deutschen Außenhandelskammern bei ihrem Treffen zur Zukunft der Weltwirtschaft in Berlin steht sinnbildlich für die neue Welt. Die ehemals strahlenden Schwellenländer rücken in den Schatten, Europa und Nordamerika streben ins Licht.

„Seit 2009 gibt es einen Trendbruch in Bezug auf die Schwellenländer“, sagte Michael Hüther, Direktor des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) am Dienstag. Es gebe eine „Neuformierung der Globalisierung“. Sehr lange sei sie durch Kostenvorteile getrieben gewesen, doch dieser Faktor sei heute nicht mehr so wichtig.

Die Ausrichtung der Globalisierung verschiebe sich. Der Blick richte sich nicht mehr nur auf die Schwellenländer, sondern vor allem auch nach Nordamerika. Die Schwellenländer entwickeln sich längst nicht mehr so dynamisch wie noch vor ein paar Jahren und so könne die Dynamik auch nicht mehr die strukturellen Defizite dieser Länder kompensieren.

Wo es in den Wachstumsmärkten noch klemmt
Weed is collected from the lake to feed cattle
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Indien

Die deutsche Wirtschaft hat in Indien ein schweres Jahr hinter sich. Um zwölf Prozent brach das Volumen der Exporte für den Subkontinent im Jahr 2013 ein. Gegenwind kam gleich aus mehreren Richtungen. Einerseits hat sich Indiens konjunkturelle Lage deutlich verschlechtert - noch für das Jahr 2011 meldeten die Statistikbehörden ein Wirtschaftswachstum von über neun Prozent. Mittlerweile ist die Wachstumsrate der drittgrößten Volkswirtschaft in Asien auf unter fünf Prozent abgesackt. Noch härter traf die deutschen Exporteure der rasante Verfall der Landeswährung Rupie: Produkte "made in Germany" konnte sich in Indien kaum noch jemand leisten.

huGO-BildID: 31393452 A worker sweeps in front of Taj Mahal in Agra, India, early Monday morning, June 3, 2013. The Taj Mahal, a UNESCO Heritage site
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Doch die Hoffnung auf eine Trendwende wächst - und ruht zu großen Teilen auf einem einzigen Mann: Narendra Modi, der mit seiner Bharatiya-Janata-Partei die indischen Parlamentswahlen überraschend deutlich gewinnen konnte, hat als neuer Premier gute Aussichten, die Wirtschaft zu beleben: Er will Bürokratie abbauen, Korruption bekämpfen und in Infrastruktur investieren. Weil seine Partei eine absolute Mehrheit holte, kann Modi die Pläne umsetzen, ohne dabei auf Koalitionspartner angewiesen zu sein.

Sikhs perform 'Sewa' at the Golden Temple in Amritsar
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Ein großer Wurf wäre dringend nötig: In globalen Vergleichsstudien schneidet Indien schlecht ab. Bei der Qualität der Infrastruktur landet das Land im "Global Competitiveness Report" des Weltwirtschaftsforums nur auf Rang 85 - hinter Ländern wie Iran, Guatemala und Georgien. Bei der Effizienz des Arbeitsmarktes liegt Indien gar nur auf Platz 99. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der "Doing Business Report" der Weltbank: Die Autoren heben die große Rechtsunsicherheit in Indien hervor. Wer Verträge vor Gericht durchsetzen will, steht vor einer zermürbenden Aufgabe: 1 420 Tage dauert ein Rechtsstreit zwischen Firmen in Indien im Schnitt. Nur in Angola, Myanmar und Osttimor muss man noch länger auf ein Urteil warten.

Narendra Modi
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Dass Indiens neue Regierung unter Narendra Modi die Vielzahl der Probleme auf einen Schlag lösen kann, ist nicht zu erwarten. Doch der 63-jährige Politiker ist sich der Kraft wirtschaftspolitischer Reformen bewusst. Als Regierungschef des Bundesstaats Gujarat verschlankte er die Verwaltung und öffnete den Bundesstaat für Investoren. Das Ergebnis: In elf von zwölf Regierungsjahren entwickelte sich die Wirtschaft unter Modi besser als im nationalen Schnitt.

File picture showing Widodo and his wife casting their ballot papers during voting in the parliamentary elections in Jakarta
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Indonesien

Er präsentiert sich als einer, der gerne anpackt: Joko Widodo, der aussichtsreichste Kandidat im indonesischen Präsidentschaftswahlkampf. Als Gouverneur der Hauptstadt Jakarta machte er Politik nicht primär vom Schreibtisch aus, sondern mischte sich seit seiner Wahl vor anderthalb Jahren regelmäßig unter das Volk: Bei unangekündigten Besuchen auf Märkten, Baustellen oder in Behörden sprach er mit Bürgern über ihre Probleme, von der Verkehrsbelastung bis zu Lebensmittelpreisen.

Indonesian Stock Exchange
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Mit dieser volksnahen Politik, die die Indonesier "Blusukan" nennen, erlangte der politische Neuling landesweit eine hohe Beliebtheit: Nun steht der 52-Jährige kurz davor, die Politik von ganz Indonesien umzukrempeln. Umfragen zufolge ist Widodo im Rennen um die Präsidentschaft kaum einzuholen. Investoren zeigen sich darüber erfreut: Entschieden wird zwar erst am 9. Juli, doch bereits bei Widodos Nominierung zum Kandidaten im März reagierte die Börse in Jakarta mit einem Kursfeuerwerk.

Poverty in Indonesia
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Die Erwartungen sind hoch: Nach der zehnjährigen Amtszeit von Susilo Bambang Yudhoyono soll Widodo neue Impulse setzen, um die Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen. 2013 musste das Land besorgniserregende Kapitalabflüsse hinnehmen. Indonesien, das kurz zuvor noch als Liebling der Investoren galt, zählte zu den Fragilen Fünf - jenen Staaten, die fürchten müssen, ihre enormen Leistungsbilanzdefizite nicht mehr finanzieren zu können.

Auch die Wachstumsraten der größten Volkswirtschaft Südostasiens fielen zuletzt enttäuschend aus. Ist Joko Widodo der Mann, dem eine Kehrtwende gelingen kann? Analysten üben sich in Zurückhaltung: Ein umfassendes wirtschaftspolitisches Programm hat Widodo noch nicht vorgelegt. Jedoch scheint er bereit zu sein, auch unpopuläre Reformen umzusetzen: So sprach er sich für ein Ende der beliebten, aber auch sehr teuren Benzinpreissubventionen aus. Das könnte Spielräume für dringend nötige Infrastrukturprojekte schaffen.

Eine Umfrage der AHK unter 3000 Mitgliedsunternehmen bestätigt das. In die USA werden demnach die meisten Investitionen der deutschen Unternehmen im Ausland in den kommenden zwölf Monaten gehen. 60 Prozent wollen dort expandieren. Damit liegt das Land in der Gunst der deutschen Unternehmen noch vor China, dem Star unter den Schwellenländern.

Mehr als 50 Prozent der Deutschen Wirtschaftsleistung werde im Ausland abgesetzt, sagte DIHK-Chef Eric Schweitzer. Deutsche Unternehmen hätten im Ausland Produktionsstätten im Wert von 1,2 Billionen Euro, sie beschäftigen an ihren Auslandsstandorten circa sieben Millionen Menschen weltweit. Doch dieser Erfolg sei kein Selbstläufer. „Geschäftsmodelle und Kundenanforderungen werden sich radikal ändern“, sagte Schweitzer.

VDMA-Präsident Reinhold Festge pflichtete dem DIHK-Chef bei „Die Zeit ist vorbei, in der unsere Kunden nur die Maschine wollen. Die Kunden brauchen heute Bildung. Wir müssen Vorteile und Kompetenzen exportieren. Da müssen wir auch unser Denken verändern.“

Man müsse zudem mehr mit westlichen Industrieländern zusammenarbeiten, um ein Gegengewicht zu China bilden zu können. Dabei spiele das Freihandelsabkommen TTIP eine wichtige Rolle. Auch Rainer Sontowski, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, forderte die Wirtschaftsvertreter auf, für TTIP zu werben, und nicht zuzulassen, dass „Chlorhühnchen und die Architektur von Schiedsgerichten“ die Angst vor dem Abkommen schüren. „Nicht den Zauderern und Ängstlichen, sondern den Wagemutigen und Entschiedenen gehört in der Weltwirtschaft die Zukunft“, so Sontowski.

Im Laufe der Verhandlungen über das transatlantische Freihandelsabkommen hatte es wiederholt heftige Proteste gegeben. Verbraucher fürchten ein Aufweichung der deutschen Standards. „Natürlich dreht sich die Welt auch ohne TTIP weiter“, sagte Schweitzer. „Aber andere Weltregionen werden uns enteilen. Andere werden die Standards setzen und wir blieben außen vor.“

Das sind die 15 attraktivsten Wachstumsmärkte
Container im Hamburger Hafen
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Dass sich mittelständische Unternehmen, die im Ausland neue Absatzmärkte erschließen möchten, nicht alleine auf die derzeitige Schwäche des Euro verlassen sollten, zeigt eine Studie des Kreditversicherers Euler Hermes. Demnach können die deutschen Unternehmen zwar in diesem Jahr mit zusätzlichen Ausfuhren im Wert von 36 Milliarden Euro rechnen (+2,7 Prozent), im letzten Jahr konnte die Exportbranche jedoch noch um 45 Milliarden Euro wachsen. Unter anderem die schwere Russland-Krise wird die Exporte bremsen, so die Experten von Euler Hermes. Sie raten deshalb dazu, gezielt wachstumsstarke Länder zu erschließen, in denen die hiesige Wirtschaft bislang unterrepräsentiert ist.

15. Südafrika
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In Südafrika wird für das Jahr 2015 eine Wachstumsrate von 2,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) erwartet. Zum Vergleicht: Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) prognostiziert für Deutschland im selben Jahr ein Wachstum von 1,3 Prozent.

14. Estland
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Mit einer prognostizierten Wachstumsrate von 2,5 Prozent steht Estland noch ein wenig besser da. Der seit 1991 unabhängige Staat mit der malerischen Hauptstadt Tallinn (Bild) ist seit 2011 Mitglied der Eurozone.

13. Slowakei
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Auch die Slowakei ist Euro-Mitglied und dies schon seit 2009. Das Bild zeigt die Hauptstadt Bratislava. Für die Slowakei prognostizieren die Experten von Euler Hermes ein Wachstum von 2,7 Prozent des BIP.

12. Uruguay
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Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Wirtschaftszweig in Uruguay. Bei ausländischen Investoren ist das Land bisher eher unbekannt. Das prognostizierte Wachstum beträgt 2015 2,8 Prozent.

11. Lettland
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Lettlands Bruttoinlandsprodukt soll voraussichtlich um 3,2 Prozent wachsen. Seit 2004 ist das baltische Land in der Europäischen Union, seit 2014 in der Euro-Zone. Diese verliert für die deutschen Exporteure zunehmend an Gewicht. 2014 machten sie nur noch 36,6 Prozent ihres Auslandsumsatzes in den Ländern der Währungsgemeinschaft, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Im Jahr 2005 hatte der Anteil noch 44,7 Prozent betragen. Grund für den Rückgang ist die Finanz- und Wirtschaftskrise.

10. Polen
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Gleichzeitig werden die EU-Mitgliedsstaaten, die nicht der Währungsunion angehören, immer wichtiger. Deren Anteil an den deutschen Exporten erhöhte sich von 2013 auf 2014 von 20,1 auf 21,4 Prozent. 1993 lag er bei nur 16,2 Prozent. Zu diesen Staaten gehört auch Polen, welches einen Aufschwung erlebt. Das Bruttoinlandsprodukt wird voraussichtlich um 3,3 Prozent wachsen.

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