
Frau Simon, nehmen wir mal an, ein Unternehmer hat von Twitter gehört, er googelt und stößt auf eine aktuelle britische Studie. Demnach ist Twitter ein Produktivitätskiller, weil Angestellte durch ihre Aktivitäten dort täglich 40 Minuten ihrer Arbeitszeit verlieren. Warum sollte sich der Unternehmer trotzdem für Twitter begeistern?
Nicole Simon: Ach, wissen Sie, das ist genauso, als wenn jemand nach dem Begriff „Internet“ googelt und herausfindet: O mein Gott, da verbringen die Leute ja Zeit mit! Und es dann deswegen abtut. Das ist eine interessante Vorgehensweise, aber für ein Unternehmen sicherlich komplett verkehrt, weil man anders ansetzen muss: Der Unternehmer sollte sich fragen, wo seine Kunden oder die Presse gerade unterwegs sind. Das sind aus meiner Sicht nämlich die beiden Hauptzielgruppen, die ein Unternehmer mit seinen Produkten oder Nachrichten draußen erreichen möchte – mit dem Endziel, etwas zu verkaufen.
Aber Sie stimmen doch zu, dass es verschwendete Zeit im Internet gibt?
Auf jeden Fall! Das ist ja auch einer der Gründe, warum viele Unternehmen anfangen, Seiten zu sperren. Ich kenne sogar große Firmen, die zum Beispiel den Zugang zu Xing blockieren, weil die Mitarbeiter dort Zeit verschwenden. Seit vielen Jahren sperren Unternehmen auch Angebote wie Ebay. Und heute sind eben auch die sozialen Netzwerke mit dabei. Auf der einen Seite klingt das alles ganz normal und in Ordnung, weil man glaubt, damit die Produktivität zu erhöhen. Wenn man aber die Mitarbeiter nicht vernünftig so leiten kann, dass sie die Werkzeuge, die ihnen zur Verfügung stehen, verwenden können, dann hat man noch ganz andere Probleme. Wenn mir mein Arbeitgeber sämtlichen Zugang sperrt, dann kaufe ich mir vielleicht ein neues Telefon mit Internetzugang – und meine Kaffeepausen werden länger... Das Problem sind nicht die entsprechenden Seiten an sich, sondern dass Mitarbeiter nicht richtig eingebunden sind und nicht wissen, wie sie damit arbeiten sollen. Ich musste in der Vergangenheit feststellen, dass viele Unternehmen keine Ahnung davon haben, wie man mit dem Web 2.0 und Social Media umgeht ...
Worauf stützen Sie diese Aussage?
Das sind meine persönlichen Erfahrungswerte aus Gesprächen weltweit, in denen ich mich mit der üblichen Frage konfrontiert sehe: Wofür braucht man diesen Blödsinn überhaupt? Das ist dann für mich das Zeichen, dass da jemand im Web 1.0 steckengeblieben ist. Die Organe des Unternehmens, die Mitarbeiter in den meisten Fällen, sind also nicht in der Lage, mit diesen Tools umzugehen, ihre Relevanz einzuschätzen und dann auch zu wissen, ob man zum Beispiel twittern sollte und – wenn ja – wer.