Weinbergschnecken: Slow Food

Weinbergschnecken
Slow Food

Die schlechte Auftragslage für Architekten ließ Jan Kickinger den Umstieg wagen. Heute züchtet er Weinbergschnecken für Restaurants und Feinkostläden. Für dieses Jahr rechnet der Jungunternehmer mit einer Verdoppelung des Umsatzes. Dabei verlief das Vorhaben zunächst alles andere als reibungslos.

HB. Es ist eine leise Invasion. Auf einem abgelegenen Feld unweit von Potsdam halten sich unzählige Weinbergschnecken unter Markstammkohl und meterhohen Topinambur-Sträuchern versteckt. Die meisten haben sich für den Winter in den märkischen Sandboden eingegraben. Ihr Durchhaltevermögen nötigt Jan Kickinger, dem Herrn über geschätzt zwei Millionen Exemplare der Gattung Helix pomatia, Respekt ab. Selbst der starke Frost der vergangenen Wochen hat die Tiere nur wenig gefährdet. "Sie überleben bis minus 20 Grad", sagt er. Und so kalt war es auf seinem Feld nicht. Obwohl der 39-Jährige in der olivgrünen Military-Jacke mit liebhaberhaftem Detailwissen über seine Schnecken aufwartet, lässt er sie später ohne mit der Wimper zu zucken über die Klinge springen. "Weinbergschnecken sind ein knappes und daher begehrtes Gut."

Auf italienischen und spanischen Märkten gehören Schnecken zum Standardangebot, doch in Frankreich, wo sich Schnecken auf fast jeder Speisekarte finden lassen, klagen Restaurantbesitzer über Lieferengpässe. Dort ist das gewerbsmäßige Sammeln der glitschigen Delikatesse wie auch in Deutschland verboten. Und osteuropäische Schneckensammler, zuletzt Hauptlieferanten französischer Köche, gehen zunehmend besser bezahlten Tätigkeiten nach. Ein Grund, warum die Zucht doch goldenen Boden haben müsste, sinniert Kickinger. Anders als die Baubranche, in der er - noch - als Architekt seine Brötchen verdient.

Ein Gedanke, auf den auch andere schon gekommen sind. An die 15 Zuchten gibt es mittlerweile bundesweit, die meisten im Süden. Kickinger versucht es nun von Brandenburg aus. Schnelles Geld bedeutet das nicht gerade, zu viele Hürden musste Kickinger nehmen. In Italien, wo er sich in die Grundlagen der Schneckenzucht einweisen ließ, erfuhr er zunächst, dass die gefleckte Weinbergschnecke Helix aspersa, auf die die meisten Züchter in Italien, Spanien und Frankreich setzen, dem rauen deutschen Winter nur bedingt gewachsen ist. Schließlich entschied er sich für den Ankauf von 60 000 Stück der robusteren Sorte Pomatia in Polen. Kickinger muss kaum an die Vorstellungskraft seiner Zuhörer appellieren, um das Gesicht eines brandenburgischen Bankberaters auftauchen zu lassen, der 50 000 Euro Kredit für eine Schneckenzucht bewilligen soll.

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