Wende am Kreditmarkt droht
Jetzt für den Notfall rüsten

Experten waren vor eine Wende beim Kreditwesen. Bislang war ungebremster Optimismus die Devise, Investitionslust die Folge. Doch die günstigen Kreditkosten könnten sich zur Fußangel für Unternehmer erweisen. Gerade im Mittelstand droht eine unkontrollierte Verschuldung.

FRANKFURT. Selten war der Optimismus im Mittelstand so groß wie jetzt. Fast zwei von drei Unternehmen rechnen einer BDI-Umfrage zufolge für das kommende Jahr mit guten bis sehr guten Geschäften. Die Investitionslust zieht an. Bisher hat sich das auf die Kreditnachfrage nicht so deutlich ausgewirkt, wie die Banken sich das gewünscht hätten. Weil vielen Firmen die Kreditabsage vor einigen Jahren noch im Nacken saß, setzten sie lieber auf eine Finanzierung aus eigenen Gewinnen. Auf Grund der weiter anziehenden Aufrüstungsinvestitionen dürfte jetzt jedoch auch das Kreditgeschäft zunehmen, glaubt IKB-Vorstandssprecher Stefan Ortseifen. Experten mahnen jedoch zur Vorsicht. Das günstige Umfeld sollte Firmen nicht dazu verleiten, sich stärker zu verschulden, als ihnen in späteren Zeiten gut tut.

Gerade jetzt, in der Phase des Aufschwungs, sei vielmehr Gelegenheit, sich auf schlechtere Zeiten und steigende Zinsen einzustellen. Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins vergangene Woche auf vier Prozent angehoben – und Marktbeobachter gehen davon aus, dass das noch nicht das Ende der Zinserhöhungen war. „In einem Umfeld steigender Zinsen ist es gerade für den wachstumsorientierten Mittelstand wichtig, über eine gesunde Finanzstruktur zu verfügen“, sagt Frank Hoefnagels, Leiter Unternehmenskunden Deutschland bei ABN Amro. Dies bedeute eine ausgewogene Mischung zwischen Eigen- und Fremdkapital, lang- und kurzfristigen Finanzierungsmitteln sowie eine Abstimmung der Finanzstruktur auf das Unternehmen und seine Strategie.

Erst einmal muss der steigende Leitzins nicht allzu viel heißen. Denn noch immer sind die Leitzinsen relativ niedrig. Und kurzfristig, so Ulrich Lenz, Mittelstandsexperte bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, müsse sich ein steigender Leitzins nicht unbedingt in höheren Kreditzinssätzen für Unternehmen niederschlagen. Denn die Liquidität auf den Finanzmärkten ist weiter hoch, die Refinanzierungsmöglichkeiten der Banken sind damit sehr gut. Zudem führe der Wettbewerb um gute Firmenkunden in Deutschland zu niedrigen Kreditzinssätzen. Außerdem rechnen die Banken – bedingt durch die weiter sinkenden Insolvenzen – mit historisch niedrigen Ausfallraten bei ihren Krediten - und lassen dies ebenfalls in die Preise für ihre Kredite einfließen.

Lenz meint deshalb, die günstigen Kreditkosten seien nicht mehr risikogerecht. Je länger die außergewöhnlich günstigen Kreditvergabekonditionen für Unternehmen anhalten, desto abrupter könnte sich die Situation eines Tages ändern, fürchtet er. Stark steigende Kreditzinsen und eine wieder weitaus restriktivere Kreditvergabe wären die Folge. Das könne dann Firmen mit einer relativ hohen Fremdkapitalaufnahme ins Straucheln bringen.

Günstiger Zeitpunkt

Damit ist jetzt ein günstiger Zeitpunkt, um sich gegen steigende Zinsen abzusichern. „Gerade bei langfristigen Finanzierungen kann es für Unternehmen sinnvoll sein, auf Zinssicherungsinstrumente zurückzugreifen, um Unwägbarkeiten zu vermeiden“, sagt IKB-Vorstandssprecher Ortseifen. Mittlerweile gebe es eine breite Palette von Derivaten, mit deren Hilfe sich nahezu jedes Zinsrisiko ausschließen lasse. Welches Modell sich empfiehlt, hänge jedoch von den Bedürfnissen des jeweiligen Unternehmens ab.

Experten raten, jetzt die Finanzierung darauf abzuklopfen, was wann refinanziert werden muss und welche Verschuldung auch in Zeiten weniger guter Geschäfte tragbar ist. „Ich kann Unternehmen nur raten, darüber nachzudenken, was eine Wende am Kreditmarkt für sie bedeuten würde“, sagt Lenz. Eine Schnäppchenjagd auf derzeit noch relativ günstige Kredite kann dabei genau das Falsche sein. „Bevor jemand irgendwo wild billiges Geld aufnimmt, ist er erst einmal gut beraten, wenn er klärt, wie viel Verschuldung das Unternehmen überhaupt verträgt.“ Das gelte auch für alternative Finanzierungsformen. Einige Unternehmen nähmen Geld über Mezzanine- oder Schuldscheinprogramme auf, ohne ein konkretes Investitionsziel zu haben. Mit standardisierten Programmen sind auch solche eigenkapitalähnlicheren Finanzierungsformen kostengünstiger geworden.

Der Einstieg von privatem Beteiligungskapital macht angesichts heiß laufender Kreditmärkte ebenfalls Sorgen: So warnte die Wirtschaftsauskunftei Creditreform gestern angesichts der steigenden Zahl von Unternehmen in Private Equity-Besitz, die ihre Übernahmekosten den Firmen häufig aufbürden: „Wenn die Zinskosten steigen und das operative Geschäft schlechter läuft als gedacht, können Unternehmen, die in Besitz von Beteiligungsgesellschaften sind, schnell in die Zahlungsunfähigkeit rutschen.“

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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