Mittelstand

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Werner Otto ist tot: Vom Schuster zum Versandhauskönig

Werner Otto ist tot. Der Hamburger Kaufmann und Unternehmer starb im Alter von 102 Jahren. Sein Leben spiegelt die Geschichte der Bundesrepublik wieder - mit allen Höhen und Tiefen.

Werner Otto zu Beginn der 1980er Jahre bei einem Spiel des Hamburger Sportvereins HSV. Quelle: dapd
Werner Otto zu Beginn der 1980er Jahre bei einem Spiel des Hamburger Sportvereins HSV. Quelle: dapd

DüsseldorfWerner Otto hockte vor der Schreibmaschine und hämmerte dürre Sätze auf 14 Bogen Papier. Man schreibt den Winter 1949, und Otto, abgebrannter Flüchtling mit knurrendem Magen, formulierte: „Artikel 568: orthopädischer Frauenschuh, schwarz oder braun, Boxcalf mit Wildledereinsatz.“

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Dann auf der nächsten Seite: „Artikel 565: Pumps, schwarz Samtcalf mit Lackbesatz.“ Auf jedes Blatt klebte er, der doch immer Schriftsteller werden wollte, zwei Fotografien der Schuhmodelle, kritzelte den Preis daneben, band alles mit einer Kordel zusammen und pappte den Namen auf sein Büchlein: Otto-Katalog.

Aus dem Büchlein wurde ein dicker Wälzer und aus dem hungrigen Autor einer der reichsten Deutschen: Gebieter über das weltgrößte Versandhandelsunternehmen mit knapp zwölf Milliarden Euro Jahresumsatz und rund 50.000 Ottonen – so nennen sich die Konzernmitarbeiter.

Am vergangenen Mittwoch ist Werner Otto im Alter von 102 Jahren im Kreise seiner Familie in Berlin gestorben. Das gab der Konzern heute bekannt. Sein Imperium ist so alt wie die Bundesrepublik, aus den Trümmern des Dritten Reiches hat er das aufgebaut, was Politiker heute ehrfürchtig mit „Aufbauleistung“ umschreiben.

Dabei stand Otto, der 1948 als Kriegsflüchtling aus Westpreußen in Hamburg strandete, im Winter vor 60 Jahren der Sinn nicht nach Legendenbildung. Er wollte nur eins: sich selbst, seine damalige Frau und die zwei Kinder durchboxen.

Das Leben des Werner Otto

  • Geburt

    Werner Otto wird am 13.August 1909 als Sohn eines Lebensmittelgroßhändlers in Seelow, Brandenburg, geboren. Nach einer Kaufmannslehre führt er unter anderem eine Schuhfabrik.

  • Ausbildung

    Werner Otto besuchte in Prenzlau das humanistische Gymnasium und wollte eine Zeit lang Schriftsteller werden, versuchte sich auch an zeitkritischen Romanen, musste dann aber nach dem Zusammenbruch des elterlichen Geschäfts mit 17 Jahren vorzeitig das Gymnasium verlassen und absolvierte stattdessen eine kaufmännische Lehre in Angermünde.

  • Nazi-Vergangenheit

    Seine Berufslaufbahn begann Otto als selbstständiger Einzelhandelskaufmann in Stettin. Seine Sympathien für den einstigen NS-Ideologen Otto Strasser, für den er Flugblätter über die deutsch-tschechische Grenze ins nationalsozialistische Deutschland schmuggelte, brachten ihm eine zweijährige Haftstrafe ein.

  • Der erste Laden

    Nach deren Verbüßung kaufte er in Berlin mit dem kleinen mütterlichen Erbe einen Zigarrenladen. Das Kriegsende erlebte Otto als Obergefreiter mit einer Kopfverletzung in einem Wehrmachtslazarett. Wenig später kam er als mittelloser Flüchtling nach Hamburg.

  • Die Schuhfabrik

    In seinem Bemühen, für sich und seine Familie in Hamburg eine neue Existenz aufzubauen, versuchte es Otto zunächst mit einer kleinen Schuhfabrik, in der zuletzt 150 Mann arbeiteten. 1948 musste er das kleine Unternehmen wieder aufgeben, da es sich nach der Währungsreform im Wettbewerb mit den Großen der Branche nicht halten ließ.

  • Gründung des Versandhandels

    Otto gründet 1949 mit einem Startkapital von 6 000 DM einen Versandhandel. Die Firma expandiert, setzt bald Milliarden um.

  • Neue Wege

    Mit dem Sammelbestellsystem beschritt Otto neue Wege im Vertrieb. Als einer der ersten Versender verzichtete er auf Nachnahmesendungen und belieferte seine Kunden gegen Rechnung. Entgegen anderen Vorbildern setzte er von Anfang an weniger auf niedrige Preise als auf Qualität. Damit befreite er die Versandhaus-Branche vom Geruch des Kleine-Leute-Handels und eroberte sich neue Käuferschichten.

  • Rasantes Wachstum

    1953 setzte Ottos Versandhaus bereits 5 Mio. DM um, 1955 waren es 28 Mio. DM. Von 1965 an lag der Otto-Versand mit der Höhe seiner Zuwachsrate fast immer an der Spitze seiner renommierten Konkurrenten. Allein in der Zeit von 1965 bis 1967 konnte er seinen Umsatz verdoppeln, und zwar nicht durch Zukäufe, sondern durch Expansion des vorhandenen Geschäfts.

  • Der Katalog

    Der erste Otto-Katalog, der 1950 vorgestellt wurde, umfasste ganze 16 Seiten, 1977 zählte der Hauptkatalog bereits ein warenhausähnliches Sortiment mit ca. 50.000 Artikelpositionen auf.

  • Erstaunliche Flexibilität

    Otto, der von sich selbst sagt, dass ihm die Freiheit ein höheres Gut sei als die Sicherheit, bewies als Unternehmer immer wieder erstaunliche Flexibilität. Als seine fünf Warenhäuser (das letzte wurde 1973 in Mülheim eröffnet) nicht den erwarteten Erfolg brachten, vermietete er sie 1974/1975 an die Horten AG. Ebenso verkaufte er kurz entschlossen eine Kette von Autowaschanlagen mit unbefriedigender Rendite.

  • Kapitalbeschaffung

    Das Kapital für die rasante Expansion seines Unternehmens beschaffte sich O. gemäß dem unternehmerischen Grundsatz "Teile und wachse": Er nahm starke Partner in seine Unternehmungen auf, ohne jedoch die unternehmerische Führung abzugeben.

  • Verkauf von Anteilen

    Bereits Anfang der 60er Jahre hatte er 50 % des Kapitals der Otto-Versand GmbH & Co an die in der E. Brost & J. Funke GmbH & Co KG, Essen, vertretenen Inhaberfamilien der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (25 %), die Gesellschaft für Handelsbeteiligungen mbH, Hamburg (15 %) und an die KG Aurum, Beteiligungs GmbH & Co KG, Hamburg (10 %) verkauft. An der Konzernholding Otto AG für Beteiligungen blieb die Familie Otto weiterhin mit 50 % beteiligt. Seit dem 31. Dez. 2007 gehört der Otto-Konzern durch einen Rückkauf wieder zu 100 % der Gründerfamilie.

  • Der Rückzug

    1966 zieht er sich weit gehend aus der direkten Unternehmensführung zurück und übernimmt den Aufsichtsratsvorsitz.

  • Neue Projekte

    Mit dem durch die Anteilsveräußerung gewonnenen finanziellen Spielraum engagierte sich Otto auf dem zukunftsträchtigen Feld des Baus von Einkaufszentren. Diese Interessen wurden in der ECE-Projektmanagement GmbH vereinigt, die 1980 bereits 13 Einkaufszentren managte.

  • Ehrenvorsitzender auf Lebenszeit

    1981 wird Otto zum Ehrenvorsitzenden des Aufsichtsrats auf Lebenszeit ernannt. Sohn Michael wird Vorstandschef. Werner Ottomacht sich einen Namen als Stifter und Mäzen.

  • Der viertreichste Deutsche

    Das "Manager Magazin" veröffentlicht seine diesjährige Liste der 300 reichsten Deutschen. Wie in den Vorjahren wird das Ranking von den Aldi-Brüdern Karl Albrecht mit einem geschätzten Vermögen in Höhe von 17,35 Mrd. Euro und Theo Albrecht mit 16,75 Mrd. Euro angeführt. Dahinter belegt Dieter Schwarz mit 11 Mrd. Euro den dritten, die Familie von Werner Otto mit 8,15 Mrd. Euro den vierten Platz.

  • Der Tod

    Werner Otto stirbt am 21.12.2011 im Alter von 102 Jahren im Kreise seiner Familie in Berlin.

Seine Mutter starb kurz nach der Geburt, der Großvater verlor sein Vermögen mit Immobilienspekulationen, der Vater schlittert mit seinem Handelsgeschäft in den Konkurs. Weil kein Schulgeld mehr übrig blieb, musste Otto das Gymnasium vor dem Abitur verlassen und als Kaufmannslehrling anheuern. Nach der Ausbildung versuchte er sich als Schriftsteller und Tabakladenbesitzer am Berliner Alexanderplatz. Zwischenzeitlich wanderte er für zwei Jahre in Haft – er hatte Flugblätter für den linken NS-Ideologen Otto Strasser ins nationalsozialistische Deutschland geschmuggelt. Auch nach dem Krieg zwingt ihn die wirtschaftliche Not in die Selbstständigkeit.

Sein wichtigster Verbündeter dabei war – neben Mut, Enthusiasmus und einer Dosis Chuzpe – meistens der Zufall. So entdeckte er nach seiner Ankunft in der Hansestadt im Schutt eines Hinterhofs einige Steppmaschinen. Weil man damit Schuhe herstellen konnte, wird er Schuhfabrikant. Er flickte einfache Modelle aus Leder und Pappelholz zusammen – „Gurken“, wie er sie selbst nannte.

„Ich verstand nichts von Schuhen und hatte noch nie eine Schuhfabrik gesehen“, gestand er später. Die zusammengeschusterten Galoschen wurden ihm trotzdem aus den Händen gerissen. Allerdings florierte das Erfolgsprojekt nur für ein paar Monate. Die traditionellen Schuhfabriken begannen wieder zu produzieren und fegten die „Gurken“ vom Markt. Otto gab die Firma auf, übrig bleiben 6 000 D-Mark – Startkapital für das nächste Projekt.

Es sei eine „glückliche Fügung“ gewesen, dass ihm ein Katalog des fränkischen Schuhversenders Baur damals in die Hände fiel, sagte Otto einmal später. Zwar liefen seine Schuhe nicht mehr – aber warum nicht mit Ware der Konkurrenz handeln? Die Sparkasse gewährte ihm Kredit. Aus dem Katalog von Baur, heute Teil der Otto Group, übernahm er das System der Sammelbestellung: Ein Kunde orderte gegen Provision für die Nachbarn mit. Außerdem führte Otto den Kauf auf Rechnung ein. „California“ hieß der erste Bestell-Hit – ein Damenschuh. Kostenpunkt: 30 Mark. Kurz darauf nahm er auch Marineklapphosen ins Programm. Der Otto-Katalog entwickelte sich zum Bestseller.

So begann es: Werner Otto in den 50er-Jahren in seinem Büro. Quelle: pr
So begann es: Werner Otto in den 50er-Jahren in seinem Büro. Quelle: pr

Heute zählt zum Firmenimperium längst nicht mehr nur der Versandhandel. Auch der Post-Konkurrent Hermes oder der Spielzeuganbieter MyToys gehören zum Otto-Reich. Der Gründer selbst zieht sich schon Mitte der sechziger Jahre aus der Unternehmensleitung zurück. Eines Tages war er zusammengebrochen: zu viele Zigarren, zu viel Arbeit, zu wenig Lebensqualität. Er lässt einen familienfremden Vorstand ans Ruder, später tritt Sohn Michael das Erbe an, der seit 2007 dem Aufsichtsrat vorsitzt. Seither führt mit Hans-Otto Schrader wieder ein familienfremder Manager das Unternehmen und – so hofft die Familie – durch die Rezession.

Werner Otto blieb auch nach seinem Ausstieg aktiv. Er gründete den Shoppingcenterbetreiber ECE und mehrere Stiftungen. Er förderte medizinische Projekte und spendet Millionen, wenn die Politik sich drückt. Er förderte die Renovierung des Belvederes auf dem Potsdamer Pfingstberg und das Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt. Daneben widmete er sich den schönen Künsten. Er mag die deutschen Expressionisten genauso wie die alten Meister. Seine Sammlung entzückt die Kunstsammler.

Sein Lebensmotto hatte sich Werner Otto bei Heraklit stibitzt: Panta rhei – alles fließt. Er erhielt die Ehrenbürgerwürde Berlins, seiner Lieblingsstadt – zwei Tage vor seinem 100. Geburtstag. Nur einen Wunsch hatte ihm das Leben nicht erfüllt. Bei seiner Verhaftung vor dem Krieg beschlagnahmten die Nazis zwei Romanmanuskripte. Er hatte Zeit seines Lebens nach ihnen gesucht. Gefunden hat er sie nie.

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