Dann kam dieser neue Bewerber. Ingenieur, Chinese. Sprach perfekt Englisch. "Er hat uns sehr beeindruckt, weil er unglaublich pfiffig und gut war", erinnert sich Vietz. Der Mann bekam den Posten als neuer technischer Leiter. Wenige Monate darauf erwischte Vietz ihn, wie er nachts mit einem - strikt verbotenen - Laptop Daten vom Rechner kopierte. Vietz reichte es. "Ich habe alles liquidiert und per Container nach Hause geschickt", erzählt er. Sein China-Engagement war nach mehr als 20 Jahren beendet.
Mit dem Spionieren war aber immer noch nicht Schluss. Zu Hause in Hannover bot der niedersächsische Verfassungsschutz Vietz an, die Sicherheitssysteme zu prüfen. Die Verfassungsschützer - bundesweit arbeiten sie mit 2 000 Unternehmen zusammen-fanden heraus, dass der US-Geheimdienst CIA schon zweimal die Rechner angegriffen hatte. "Die wollten an unsere neue Lasertechnologie heran", sagt Vietz. "Statt wie zuvor mit 300 Leuten 1,0 bis 1,3 Kilometer Pipeline am Tag zu verlegen, können Sie mit der neuen Technologie fünf Kilometer mit zehn Leuten schaffen."
Fast zeitgleich stellte sich heraus, dass auch ein ehemaliger langjähriger Mitarbeiter Know-how abgegriffen hatte. Der Mann hatte Vietz bei der Kündigung erzählt, er ziehe aus privaten Gründen nach Wuppertal und arbeite bei einem Lebensmittelhersteller. "Stattdessen war er bei einem unserer Zulieferer eingestiegen und hatte die Kundendatei und alle Zeichnungen dorthin mitgenommen", berichtet Vietz.
Der niedersächsische Unternehmer ist nur eines von vielen Opfern. "Die Dunkelziffer ist sehr hoch", sagt Verfassungsschützer Woll. 325 Fälle von Konkurrenzspionage registrierte das Bundeskriminalamt (BKA) 2008 - in Fünftel mehr als vor fünf Jahren. "Bei der Produktpiraterie stieg die Zahl um das Zehnfache auf 32 000 Fälle im vergangenen Jahr", sagt Jörg Ziercke, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA). Die oberste Polizeibehörde beobachtet, dass die Geheimdienste Russlands und Chinas zunehmend die Computer deutscher Unternehmen vorzugsweise mit Trojanern ausspionieren-schädlichen Programmen, die sie von außen einschleusen und die ihnen Zugriff auf die befallenen Computer oder Server verschaffen.
Wie hoch der Schaden ist, lässt sich nur schätzen. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) beziffert in einer Studie den Schaden europäischer Unternehmen-Konzernen wie Mittelständlern - durch Spionage für die Jahre 2005 und 2006 auf durchschnittlich 1,6 Millionen Euro.
Der Volkswirtschaft kommen dadurch Jobs und Innovationsvorsprung abhanden. Auf 80 Milliarden Euro bundesweit schätzt Frank Hülsberg den Gesamtschaden. Hülsberg leitet bei den Wirtschaftsprüfern von KPMG die Abteilung Forensik, die Computerdaten auf Spuren krimineller Handlungen durchsucht. Zwei Drittel aller Spionagefälle kommen durch Zufall ans Licht, beobachtet Steffen Salvenmoser, der die Forensik bei PwC verantwortet.