Zurück aus der Insolvenz
Mit Bierdeckeln an die Weltspitze

Es ist kein Jahr her, da fürchteten die Mitarbeiter des Bierdeckelherstellers Katz um ihre Existenz. 70 Prozent Marktanteil weltweit hatte das Unternehmen aus Weisenbach. Doch dann kamen eine Reihe von Finanzinvestoren, die Heuschrecken, und wirtschafteten das Unternehmen runter. Jetzt hat die Firma sich berappelt.
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WEISENBACH. Es ist kurz nach fünf in der Früh, die Murg plätschert unter dem Hauptquartier des Bierdeckelherstellers Katz und ein halbes Dutzend Manager ist in der Produktion angetreten. Sie stehen in Reih und Glied, ihnen gegenüber Blaumänner. Daniel Bitton, der Anführer der Anzugträger, ergreift das Wort, er lobt die Mitarbeiter, dann sagt er etwas aus Sicht der Arbeiter unerhörtes: „Wir möchten Sie um etwas bitten.“

Da horchen sie auf, die Arbeiter in Weisenbach, 50 Kilometer südlich von Karlsruhe. Gebeten hat sie lange kein Chef mehr um etwas, eher herumkommandiert. Auch die Bitte selbst finden sie ungewöhnlich: Sie mögen doch ein wenig mehr arbeiten, natürlich für mehr Gehalt. Es gebe Engpässe, sie müssten mehr Bierdeckel herstellen.

Es ist kein Jahr her, da fürchteten die Mitarbeiter um ihre Existenz. Sie waren immer stolz darauf gewesen, bei einem Weltmarktführer zu arbeiten, dem für Bierdeckel. 70 Prozent Marktanteil, weltweit! Doch dann kamen eine Reihe von Finanzinvestoren, die Heuschrecken, und wirtschafteten das Unternehmen runter. Schulden, Finanzkrise, Insolvenzantrag.

Ein Jahr später sieht die Welt wieder anders aus in Weisenbach, dem Welthauptdorf des Bierdeckels. Die Arbeiter sind nun Helden eines wahren Wirtschaftsmärchens. Die Pleite-Manager mussten gehen, ein Insolvenzverwalter fand einen mittelständischen Investor und Daniel Bitton kam als Geschäftsführer.

Bitton fischt in seinem Büroregal nach einer Packung Hustenlöser. Während die Tablette im Wasser sprudelt, setzt er ein Puzzle zusammen. Nach wenigen Sekunden steht ein Elch in Winterstiefeln auf dem Tisch. Er dreht und wendet das Tier. Es ist sein Funken Hoffnung, sein Symbol, dass es nun voran geht. „Das ist unsere Weihnachtskarte“, sagt Bitton. „Das zeigt, dass wir mehr können als Bierdeckel.“

Das hat Bitton, 45, in den zehn Monaten, in denen er nun bei Katz Geschäftsführer ist, seinen 180 Mitarbeitern immer wieder gepredigt. Die Ringe unter seinen Augen und eine Erkältung zeugen davon, dass die Zeit nicht ganz einfach war. Er hat ihnen den Elch vorgeführt, hat ihnen Büroordner gezeigt, Werbewände aus Pappe. Dies alles sind Symbole der neuen drei Geschäftsbereiche: Werbematerialien, Aufstellplakate und Zulieferungen an die Industrie. Sie sollen einmal 50 Prozent zum Umsatz beitragen.

Ja, sagte Bitton seinen Mitarbeitern, Bierdeckel sind ein tolles Produkt. Aber was wir eigentlich können, ist Holzschliffpappe: bedruckbar, billig, biologisch abbaubar. Aus so einem Zeug nur Bierdeckel zu machen wie seit 1903, als das Unternehmen der Welt den ersten industriell gefertigten Bierdeckel präsentierte, sei geradezu Verschwendung.

Ein Jahrzehnt lang hatten Finanzinvestoren über den kleinen Bierdeckelgiganten geherrscht. Zuletzt gehörte Katz zu Equivest/CBR. Die Statthalter der Münchener bewiesen wenig Weitsicht. Neue Technik, neue Kunden, neue Produkte, all dies schien überflüssig. Heute heißt es bei CBR, man habe ein falsches Management beschäftigt.

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