Zwangslage
Von der Kurzarbeit in die Insolvenz

Die Industrie steuert trotz erster positiver Konjunktursignale auf eine sehr kritische Phase zu. Viele Unternehmen verdrängen eine drohende Liquiditätsklemme und haben keinen Plan B für den Notfall. Dabei ist das Unheil schon Monate vorher absehbar. Hilfe könnte aus dem Lager der Banken kommen.

FRANKFURT HB. "Viele Unternehmen werden nicht um deutliche Kapazitätsanpassungen herumkommen. Und es stellt sich die Frage, schaffen sie das ohne Insolvenz?" sagte Adam Bolek, Direktor der Investmentbank Rothschild. Denn eine Absatzkrise, so Insolvenzexperte Thilo Hild von der Kanzlei Kübler, könne man nicht restrukturieren.

Hintergrund der Sorge ist der scharfe Auftragseinbruch für zahlreiche Industriezweige infolge der Wirtschaftskrise. So mussten die Hersteller von Pkw zwischen Februar 2008 und 2009 ihre Produktion um 49 Prozent herunterfahren, im Maschinenbau fiel der Produktionsindex um 36 Prozent. Auch die Bekleidungsindustrie verzeichnete ein Minus von 28 Prozent. Darauf wies Karl-J. Kraus von Roland Berger auf der Tagung hin. Die Unternehmen überbrücken die Flaute bislang zumeist mit Kurzarbeit. Erst wenige - wie Thyssen-Krupp - greifen zu Entlassungen.

Seit Oktober vergangenen Jahres, als die Folgen der Finanzkrise deutlich für die Realwirtschaft wurden, steigt die Zahl der angemeldeten Kurzarbeiter in Deutschland von praktisch Null auf inzwischen 2,6 Millionen. Die Regierung hat die Konditionen mehrfach erleichtert, zurzeit wird eine Verlängerung der maximalen Bezugsdauer auf 24 Monate geprüft. Kurzarbeit erspart den Unternehmen Lohnkosten und Entlassungen, aber nur vorübergehend.

Arbeitsmarktexperten diskutieren daher bereits Modelle mit staatlich unterstützten Beschäftigungsgesellschaften, um Massenentlassungen zu vermeiden. Bereits im Sommer stehen den Informationen zufolge mehrere Konzerne vor der Frage, Mitarbeitern in großem Stil zu kündigen, weil die klassische Kurzarbeiterbrücke nicht mehr angewendet werden kann.

Als Grundproblem aller Unternehmenskrisen hat Bernd Richter, Partner bei der Wirtschaftsprüfungsfirma Ernst & Young, festgestellt, dass niemand "einen Plan B hat". Mit dem Ende des Kurzarbeitergeldes liefen viele Unternehmen "schlagartig in die Liquiditätsfalle". Selbst einige Dax-Konzerne würden keine Liquiditätspläne kennen, sagte Richter. Folge: Innerhalb weniger Tage muss Insolvenzantrag gestellt werden, obwohl eigentlich seit Monaten absehbar war, dass der Engpass droht.

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