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27.04.2008 
Kreditkrise

Banger Blick auf den Geldhahn

von Michael Gneuss

Noch belastet die Kreditkrise den Mittelstand weniger stark als befürchtet. Neun von zehn Unternehmen geben an, die gleichen Kreditkonditionen zu bekommen wie vor der Krise. Die neue Transparenz durch "Basel II" erleichtert die Zusammenarbeit.

Bis jetzt fließt das Kapital. Quelle: dpaLupe

Bis jetzt fließt das Kapital. Quelle: dpa

DÜSSELDORF. Die Sorge kommt einem schnell in den Sinn: Weil die Subprime-Krise in den Vereinigten Staaten die Banken auch in Deutschland verunsichert hat, drehen diese den mittelständischen Kunden den Geldhahn zu. Die Realität sieht bislang allerdings ganz anders aus: Im zweiten Halbjahr 2007 ist das Kredit-Neugeschäft an Unternehmen nach Angaben der KfW-Bankengruppe um 18 Prozent gestiegen. Der Kreditbestand der Banken lag im Januar um acht Prozent über dem des Vorjahresmonats.

Die Finanzmarktkrise schlägt weniger stark durch als befürchtet. "Es gibt keine seriöse Umfrage, die eine aktuelle Kreditklemme im Mittelstand belegt", sagt auch Frank Wallau, Geschäftsführer des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn. Ohnehin seien die meisten Zahlen zu alt, um die Auswirkungen der Subprime-Krise zu beleuchten. Das IfM habe im Zeitraum September bis November 2007 keine Finanzierungsprobleme beim Mittelstand registrieren können, sagt Wallau. Eine Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) bestätigt diese Tendenz. 90 Prozent der befragten Mittelständler gaben an, die gleichen Kreditbedingungen wie vor der Subprime-Krise zu erhalten. Nur neun Prozent berichten von schlechteren Finanzierungskonditionen.

IfM-Experte Wallau sieht eine Erklärung dafür in den Erfahrungen der Unternehmen durch die 2007 verschärften Eigenkapitalbestimmungen "Basel II". Die Firmen hätten verstanden, dass Informationen zu einer Bringschuld geworden seien, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Daher könnten sie auch mit verschärften Bank-Anforderungen umgehen.

Der Glaube, die Kreditwirtschaft könne sich vom Mittelstand abwenden, beruht auf den Erfahrungen zu Beginn dieses Jahrzehnts, als viele Firmen bei ihrer Finanzierung Probleme hatten. Doch die Zeiten haben sich geändert. "Für Banken sind mittelständische Unternehmen ein stabilisierender Faktor in ihrem Kreditportfolio", sagt Detlef Hermann, Leiter des Firmenkundengeschäfts bei der Dresdner Bank. In den Instituten gelten Mittelständler heute als gut einschätzbare Risiken.

Zugleich haben die Unternehmen begriffen, wie sie mit den Kreditberatern der Banken umzugehen haben: mit einer transparenten Informationspolitik. Auch künftig erwartet Hermann daher keine gravierenden Folgen der Finanzkrise für das klassische Kreditgeschäft des Mittelstands.

Anders sehe es bei großen Krediten aus. Zudem habe das Geschäft mit alternativen Finanzierungsinstrumenten wie Mezzanine-Kapital oder Asset Backed Securities eine spürbare Delle bekommen. Das Massengeschäft betrifft das allerdings nicht: "Solche Instrumente haben bei Mittelständlern ohnehin noch keinen besonders hohen Stellenwert", sagt Hermann.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Transparenz statt Geheimniskrämerei.

Doch auch wenn Optimismus vorherrscht - ungetrübt ist das Bild nicht. Denn während solide Unternehmen keine Probleme bei der Finanzierung haben, müssen eigenkapitalschwache Betriebe mit strengeren Blicken der Banken - und höheren Zinsen rechnen. Ein Trend, der auch PwC-Mittelstandsexperte Norbert Winkeljohann aufgefallen ist: "Die Kreditinstitute achten verstärkt auf die Einhaltung der Kreditbedingungen." Bei schwächeren Unternehmen nutzten die Banken heute schneller die Chance zum Ausstieg aus einer Finanzierung.

Für Banker wie Detlef Hermann sind solche Ergebnisse keine Überraschung: Das sei weniger ein Resultat der Subprime-Krise, sondern vielmehr Auswirkung von Basel II. Danach ist das Firmen-Rating entscheidend für die Kreditkonditionen. Weil die Banken größere Risiken mit höheren Eigenkapitalanteilen unterlegen müssen, verlangen sie einen Aufpreis für die Finanzierung von kapitalschwachen Firmen.

Für die Unternehmen beginnt damit ein Umdenken: In Deutschland haben das Steuersystem und die enge Bindung zur Hausbank über Jahrzehnte für einen fremdkapitalfinanzierten und chronisch eigenkapitalschwachen Mittelstand gesorgt. Die Finanzchefs mussten mit Basel II die Strategie wechseln - und haben dies größtenteils auch geschafft. Mit den Gewinnen aus dem Aufschwung konnten sie die Eigenkapitalquoten der mittelständischen Unternehmen erhöhen. Zudem werden die Beziehungen zu den Banken häufiger und tiefer. Transparenz statt Geheimniskrämerei gilt nun als Erfolgsformel.

Dresdner-Bank-Manager Hermann beobachtet, dass Mittelständler ihre Finanzierungsstrategien weiterentwickeln, was das alte Hausbanken-Prinzips aufweicht. "Die Unternehmen kennen ihren Finanzierungsbedarf heute genau und setzen alles daran, ihn abzusichern." Auch eine Finanzierung über Private Equity ist für manchen Mittelständler geeignet. "Wir haben mit zwei Kapitalmarktanleihen bis 2014 unsere Finanzierung langfristig gesichert", sagt Ulrike Heuser, Sprecherin des Sanitäranlagenherstellers Grohe.

Mittelständler gehen nicht mehr als Bittsteller in die Verhandlungen. Nicht nur die eigenen Leistungen, auch die Probleme einiger Finanzinstitute machen sie selbstbewusst. Die Kreditwirtschaft hat auf die neue Situation reagiert. So hat die Dresdner Bank das Produkt "Club Deal" auf Mittelständler zugeschnitten, die zwar ihren Finanzierungsbedarf über mehrere Banken abdecken wollen, dabei aber Unterstützung benötigen. Der Vertrag sieht einen Kreditrahmen mit vier Banken vor, mit denen man jederzeit über die Konditionen verhandeln kann. Davon profitierten alle, sagt Hermann. "Der Berater kann das Risiko gut einschätzen und der Unternehmer hat einen kompetenten Partner, der Fehlentwicklungen aufzeigt oder richtige strategische Weichenstellungen bestätigt."

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