Vorbei die Zeiten, als Einkäufer nur operative Bestellabwickler, Kostensenker und preisorientierte Verhandler waren. So setzt der Landtechnikkonzern Claas vor allem auf langfristige Beziehungen zu Lieferanten. Der Einkauf übernimmt eine zentrale Rolle für die Güte der Endprodukte.
HAMBURG. Beim Landmaschinenhersteller Claas KGaA mbH im westfälischen Harsewinkel bindet man seine 1 350 Lieferanten gleich mehrfach ein. So zeichnet der Mittelständler die Besten jährlich auf einem Lieferantentag im Stil einer Oscar-Verleihung aus. Und bei regelmäßigen Top-Meetings demonstriert man ihnen auf dem Feld, wie ihre Teile etwa in einem Häcksler oder Mähdrescher belastet werden. „Die Lieferpartner sollen so direkt erfahren, was für unsere Endkunden entscheidend ist: innovative Technologie, Qualität, Zuverlässigkeit und Service“, erklärt Einkaufschef Josip Tomasevic. „Für uns sind Lieferanten Mitglieder der Familie.“
Thomas Klatt, Claas-Geschäftsführer für Controlling und Betriebswirtschaft, umschreibt die Einkaufsphilosophie so: „Wir wollen mit unseren Lieferanten zusammen wachsen, um gemeinsam Werte wie Langfristigkeit zu schaffen.“
Vorbei die Zeiten, als Einkäufer nur operative Bestellabwickler, Kostensenker und preisorientierte Verhandler waren. Nach Angaben der Unternehmensberatung Bearing Point spielt der Einkauf heute eine derart „zentrale Rolle“ bei der Qualität von Unternehmensprozessen und Endprodukten, dass die Manager auch über die Qualität der eingekauften Güter mitbestimmen müssen. „Es geht nicht um Einsparungen um jeden Preis, sondern im Rahmen einer definierten Qualitätsstrategie“, sagt Professor Robert Fieten, Leiter des Management-Forschungs-Teams Köln. „Wer nur billig einkaufen will, kauft im Endeffekt teuer ein.“
Unternehmen seien daher zunehmend auf innovativ und in Netzwerken denkende Einkäufer angewiesen, die neue Technologien auf den Beschaffungsmärkten identifizieren und wissen, wo die besten Materialien zu bekommen sind. „Dazu gehört eine saubere Materialgruppenanalyse. Und ein Blick dafür, was man auf welchen Auslandsmärkten beziehen kann“, sagt Ronald Bogaschewsky, Professor für Industriebetriebslehre an der Uni Würzburg.
Zuverlässige Lieferanten im benachbarten Ausland werden allerdings immer seltener, hat die Unternehmensberatung Araia festgestellt. Industriegüter wie Schmiedeteile, aber auch Stahlgüter und Werkzeuge seien inzwischen schwer zu beschaffen, da die meisten Liferanten ausgelastet seien. Um einen passenden Geschäftspartner zu finden, sind laut Araia heute fünfzehn Lieferantenbesuche nötig, wo vor einigen Jahren noch fünf reichten.
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Das erschwert die Suche zusehends. „Einkäufer müssen heute unbedingt die Betriebe selbst oder über einen Partner des Vertrauens auditieren“, sagt Bogaschewsky. „Auf keinen Fall sollten sie sich nur Produktmuster schicken lassen. Einige Firmen in China kaufen Probestücke zum Beispiel einfach selbst bei einem anderen Lieferanten ein.“ Mit den ausgewählten Lieferanten müsse man zudem regelmäßig Kontakt zu halten. „Dann sehen sich die Lieferanten auch persönlich verpflichtet, keinen Schrott abzuliefern“, sagt Bogaschewsky.
Und das kann teuer werden. „Qualitätsprobleme resultieren häufig daraus, dass Lieferanten Vereinbarungen nicht einhalten“, sagt Christian Michalak, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Kerkhoff Consulting GmbH aus Düsseldorf. „Wir stellen immer wieder fest, dass es zwar Preis- und Qualitätsvereinbarungen gibt, die aber nicht vertraglich abgesichert sind. Und falls das gegenüber ausländischen Vertragspartnern geschieht, dann häufig nach deutschem Recht. Doch dann sind Ansprüche anderswo nur schwer durchzusetzen.“ Kerkhoff-Berater stoßen immer wieder auf unwirksame Bedingungen, die einfach aus hiesigen Verträgen übernommen wurden, etwa unzulässige Vertragsstrafen.
Damit Qualitätsmängel gar nicht erst vorkommen, wählt Claas Lieferanten über einen weltweit gültigen Leitfaden aus und überwacht die Beziehungen mit Hilfe eines übergreifenden Einkaufssystems. „Das ist für uns besonders wichtig, da die erbrachte Wertschöpfung der Lieferpartner unsere eigene deutlich übersteigt“, sagt Klatt: Die Wertschöpfungstiefe des Landmaschinenbauers liegt schließlich nur noch zwischen 20 und gut 30 Prozent.
So werden bei der Entwicklung neuer Produkte nicht nur die Einkäufer einbezogen, sondern auch konkurrierende Zulieferer mit an den Tisch geholt. „Aufgrund der dort gemeinsam erarbeiteten Ideen und der Wettbewerbssituation erhalten wir innovative Lösungen zu optimierten Preisen“, ist Klatt überzeugt. Sein Beleg: Zwischen 2003 und 2007 stieg die Produktivität bei Claas um 77 Prozent.
