Fakt ist, dass jedenfalls in Kontinentaleuropa der Familienkapitalismus noch immer dominiert. Von Indien, Südkorea, Japan oder China wollen wir gar nicht reden. Wir lassen Zahlen sprechen: In Deutschland sind 20 der 100 größten Unternehmen in Familienbesitz, in Frankreich sind es 26, in Italien gar 43. Auch volkswirtschaftlich sind die Zahlen eindeutig, da können wir im Lande bleiben. Drei Millionen der 3,2 Millionen deutschen Unternehmen gelten als Familienbetriebe, sie geben drei von fünf sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten Arbeit, erwirtschaften gut 40 Prozent des Gesamtumsatzes der deutschen Wirtschaft.
Insofern lässt sich auch an hiesigen Phänomenen erklären, warum die Merckles und Schaefflers, die Oetkers und Heraeus?, statt den ihnen oft genug prophezeiten Niedergang zu erleben, einen weltweiten Siegeszug angetreten haben. Als Wegweiser auf einer Spurensuche können dabei die drei Argumente herhalten, die Warren Buffett für die Stärke der Familienunternehmen ins Feld geführt hat.
Eine der spannendsten Begegnungen mit dem, was "Mittelstand" genannt wird, lässt sich bis heute in Tuttlingen am Rande der Schwäbischen Alb erleben. Die Stadt nennt sich selbst "Weltzentrum der medizintechnischen Industrie". Hier wird vom Kniegelenk bis zur künstlichen Haut so ungefähr alles hergestellt, was irgendwie mit Siechtum und Gesundheit zu tun hat. Mit der "Benchmark Factory" der Aeskulap AG & Co KG, die zum Reich des DIHK-Präsidenten Georg Ludwig Braun gehört, ist in Tuttlingen ein nicht nur ästhetisch eindrucksvolles Modell des modernen deutschen Familienkapitalismus zu bewundern. In der gleichsam transparenten Fabrik ist die jüngste deutsche Wirtschaftsgeschichte mitgeprägt worden.
Denn die Fabrik, eine junge Schönheit aus Beton und Glas und gebürstetem Edelstahl auch von innen, mit dem letzten Schrei der Maschinenbauer Sulzer, SHL und Deckel-Maho ausgerüstet, sie wäre nie und nimmer in Tuttlingen gebaut worden, hätten sich Gewerkschaften und Unternehmensführung vor fünf Jahren nicht auf eine weitreichende Verlängerung und Flexibilisierung von Arbeitszeiten verständigt. Dies war nur möglich, weil sich die Funktionäre der IG Metall auf das langfristige Engagement von Georg Ludwig Braun verlassen konnten. Und auf eine Unternehmenskultur, die Innovation, Effektivität und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt rückt.




