Wer in China investiert, denkt meist wenig an die Umwelt. Der Deutsche Thomas Schneider gerbt in Kanton wasser- und energieschonend und überzeugte damit auch den schwäbischen Autozulieferer Schweizer Group.
Flagge zeigen in China: Nur die wenigsten Firmeninhaber denken dort an die Umwelt.
Gerbereien sind keine Ökobetriebe, und erst recht nicht in China: Die meisten Produzenten erzeugen Wärme und Dampf in Schwerölkesseln mit Uralt-Brennern. Die Abwasserreinigungsanlagen sind – sofern vorhanden – mit den vielen verschiedenen Chemikalien, die beim Gerben entstehen, überfordert.
Gedanken macht sich in China fast niemand darüber, und wirkungsvolle Gesetze, die die Unternehmen zu ökologischem Handeln zwingen, gibt es auch nicht. Ebenso sorglos ist der Umgang mit Wasser und Strom: In der Branche glauben die meisten, dass die Energiekosten nicht kontrollierbar sind, weiß Thomas Schneider. „Vielleicht hängen sie ein paar Schilder mit der Aufschrift ’Licht aus’ auf, und dass war es“, sagt der 52-jährige gebürtige Deutsche, der sein halbes Leben am anderen Ende der Welt verbracht hat.
Schneider lebte zunächst in Australien, dann in Taiwan. Dort lernte er auch seine Frau kennen. Seit 1987 wohnt er auf dem chinesischen Festland und gründete dort einen der ersten ausländischen Lederbetriebe. Heute gehört sein Unternehmen Isa Tan Tec mit 860 Mitarbeitern zu den größten Gerbereien Chinas.
Sich mit der branchenüblichen Verschwendung einfach abzufinden, dazu war der gelernte Gerber noch nie bereit: Jede seiner Maschinen hat einen Stromzähler. Außerdem tüftelt er gerade an einer automatischen Steuerung der Beleuchtung in den Produktionshallen, weil er es seinen Arbeitern nicht abgewöhnen kann, zu jeder Tageszeit die Neonröhren einzuschalten, obwohl meistens genug Licht durch die Fenster fällt. Der Ehrgeiz lohnt sich. Beim Stromverbrauch liegt Thomas Schneiders Gerberei bei etwa 60 Prozent des Wertes der Wettbewerber. Außerdem verbrauchen seine Mitarbeiter beim Gerben nur 48 Liter Wasser pro Quadratmeter Leder – gängig sind in der Branche etwa 100 Liter. Abgesehen davon, dass seine Aktivitäten die Umwelt schonen, zahlen sie sich für Schneider auch aus. Die gesamten Energiekosten betragen zwar nur 1,4 Prozent vom Umsatz, sagt Schneider. „Aber wenn wir davon 30 Prozent einsparen, dann sind das jedes Jahr 300 000 Dollar.“
Vor mehr als 20 Jahren, war der Alltag in China höchst gewöhnungsbedürftig, erinnert sich Schneider. Es gab nur wenige Wohnblöcke, in denen Ausländer wohnen durften. Sie mussten spezielle Geldscheine zum Einkaufen benutzen, doch in den Geschäften hätte es kaum etwas gegeben, das man hätte kaufen können. Wer unter solchen Bedingungen auch noch als Ausländer Unternehmer werden wollte, hatte sich viel vorgenommen, so wie Thomas Schneider.
Heute ist sein Unternehmen Isa Tan Tec einer der weltweit führenden Hersteller von Qualitätsleder für Schuhe und edle Autositze, zur Kundschaft zählen Ecco und Timberland ebenso wie Peugeot-Citroen (PSA), Mazda und VW. 2006 stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um fast 40 Prozent. Und: Das Unternehmen sei hoch profitabel, freut sich Schneider. Seit 2001 ist der schwäbische Autozulieferer Schweizer Group zur Hälfte an Isa Tan Tec beteiligt. Schneider hatte zuvor einige Jahre lang einen amerikanischen Partner. Als dieser in seiner Heimat Insolvenz anmelden musste, suchte er einen Käufer für seine Anteile. Und fand ihn in der Schweizer Group.
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Das Unternehmen aus Hattenhofen produziert heute in erster Linie Aluminiumteile. Die Ursprünge der 1867 gegründeten Firma liegen allerdings in der Produktion von Leder für die Möbelindustrie. „Den Trend zum Autoleder hatten wir verpasst“, wie der geschäftsführende Gesellschafter Rudolf Louis Schweizer unumwunden zugibt.
Leder für die Automobilindustrie wurde jahrzehntelang vor allem in Südamerika und Südafrika hergestellt. In den 90er-Jahren entdeckte die Autolederbranche den Produktionsstandort Asien mit seinen Lohnkostenvorteilen.Für die Familie Schweizer bot sich durch die Beteiligung an Isa Tan Tec einen neue Chance ins Autoledergeschäft einzusteigen und gleichzeitig mit überschaubarem Risiko in China zu investieren. Die Familienunternehmer mussten sich weder einem schwer einschätzbaren lokalen Produzenten anvertrauen noch gleich eine eigene Fabrik aufbauen. Beides ist mühsam und riskant, schließlich gibt es keinen ausländischen Investor, der sich nicht vor dem speziell chinesischen „Technologietransfer“ fürchtet.
Für Mittelständler kommt hinzu, dass sie ihre fähigsten Mitarbeiter dringend in der Heimat brauchen. „Wenn ich 500 Leute habe, dann kann ich nicht zehn davon mal eben für ein halbes Jahr nach China schicken“, erläutert Rudolf Louis Schweizer. „Das reißt ein richtiges Loch.“
Dass die Partner Thomas Schneider und Schweizer Group im Reich der Mitte so gut zurechtkommen, ist für Experten keineswegs überraschend, schließlich stimmen die Voraussetzungen: „Gerade Mittelständler sind in China oft erfolgreicher als Großkonzerne“, sagt Harald Kayser, der beim globalen Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen PWC die „China Business Group“ leitet. „Ein wichtiger Grund dafür ist, dass es kleineren Firmen oft besser gelingt, vor Ort persönliche Beziehungen aufzubauen“, sagt Kayser. Ohne solche Beziehungen wie die zu Thomas Schneider geht gerade in China nichts. Seit einem Jahr vermarktet Schneider seine umweltfreundliche Produktionsweise offensiv unter dem Label „Low Impact Environment“. Schließlich legen auch seine Kunden aus der ganzen Welt immer mehr Wert darauf, ressourcenschonend hergestelltes Leder für ihre Schuhe oder Autositze zu verwenden.
Isa Tan Tec wird sogar regelmäßig auditiert, doch auf der politischen Bühne haben Schneider all seine Bemühungen nichts genützt: Auch er muss, wie die Wettbewerber, in Zukunft Einfuhrzoll und Umsatzsteuer auf sein Rohmaterialien bezahlen. Die chinesische Führung will mit der Maßnahme umweltbelastende Exportbetriebe aus dem Land treiben.
Thomas Schneider, der fließend Chinesisch spricht, hatte wegen seines Umweltengagements eine Ausnahmegenehmigung beantragt. „Aber natürlich haben die in Peking gerade andere Prioritäten als eine kleine Gerberei irgendwo in der Provinz.“ Durch die Maßnahme der Regierung verteuert sich das Schuhleder um 17 Prozent – zu viel, um konkurrenzfähig zu sein. Schneider lässt deshalb bereits einen Teil in Vietnam gerben. Bis 2009 soll dort eine neue Fabrik entstehen. Auf die Frage, ob er und seine Frau dann nach Vietnam ziehen, sagt Schneider nur: „Das sehen wir dann.“ Wer in Asien Erfolg haben will, muss eben flexibel sein.
